21. Oktober 2019 / 16:42 Uhr

Spiele nur, wenn Du willst: So unkonventionell organisiert sich Kreisligist Victoria Erlangen 

Spiele nur, wenn Du willst: So unkonventionell organisiert sich Kreisligist Victoria Erlangen 

René Wenzel
RedaktionsNetzwerk Deutschland
33 verschieden Spieler standen in dieser Saison bereits für Victoria Erlangen auf dem Feld. Dass sich einige davon vor dem Spiel noch gar nicht kannten, ist keine Seltenheit. 
33 verschieden Spieler standen in dieser Saison bereits für Victoria Erlangen auf dem Feld. Dass sich einige davon vor dem Spiel noch gar nicht kannten, ist keine Seltenheit.  © Verein
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60 Spieler im Kader, Absagen ohne Strafen, Organisation über Doodle und WhatsApp: Bei Victoria Erlangen läuft vieles ganz anders als bei anderen Vereinen. Und das mit Erfolg. 

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Es gibt Ausreden, die können Trainer im Amateurfußball von ihren Spielern nicht mehr hören. Wie würde es ablaufen, wenn die Kicker nach Lust und Laune ohne Bestrafung mal für ein Spiel zusagen und eine Woche später den 72. Geburtstag Oma vorziehen? Eine erfolgreiche Kombination bei Victoria Erlangen gibt darauf die Antworten. In Deutschland ist dieses Projekt wohl einzigartig. Der Digitalisierung sei Dank.

Freiwilligkeit steht an erster Stelle

„Bei uns basiert alles auf der Freiwilligkeit“, betont Lukas Frasch, der den Klub aus der Kreisliga Bayern zusammen mit seinem Bruder Simon trainiert. Etwa 60 Spieler gehören zum Kader, 80 Prozent davon arbeiten beim Weltkonzern Adidas in Herzogenaurach. Die anderen Akteure sind bei Puma beschäftigt, ein paar Jungs haben mit der Sportartikel-Branche überhaupt nichts zu tun. Regelmäßig Zeit haben nur die wenigsten Spieler.

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Die Organisation läuft komplett über eine Doodle-Liste sowie über WhatsApp – auf Englisch. Denn die Spieler kommen auch aus Frankreich, Italien, Spanien, England, Irland, Tschechien, Finnland oder den USA. „Von den 60 Spielern im Kader stehen uns realistisch gesehen 35 bis 40 Leute zur Verfügung. Wir haben in dieser Saison schon 33 verschiedene Spieler eingesetzt und mussten auch schon auf unsere Altherren-Mannschaft zurückgreifen“, sagt Frasch.

Zum Kader gehören auch Ex-Nürnberger Mintal und Galasek

Das Thema „Flexibilität“ wird in Erlangen ganz großgeschrieben. Denn viele Spieler legen die Priorität auf das Berufliche und die Familie. Es wolle sich keiner mehr dazu verpflichten, immer bei den Einheiten vor Ort zu sein. Frasch berichtet: „Beim Training ist jeder willkommen. Wir haben dabei immer ungefähr 13 bis 17 Spieler. Viele davon haben früher höherklassig gespielt.“ Und genau das macht das Team auch so erfolgreich. „Da versteht man sich schnell auf dem Platz ohne große Abstimmungen im Vorfeld“, meint der 31-jährige Victoria-Coach.

Jochen Breyer: #GABFAF in 60 Sekunden

Sein Bruder kickte einst in Österreich bei der WSG Tirol, viele Spieler waren mal in der Bayern-Liga oder Regionalliga aktiv. Es gibt aber Ex-Profis aus Irland oder Finnland. Zudem zählen die ehemaligen Nürnberg-Akteure Marek Mintal und Tomas Galasek zum erweiterten Aufgebot des Kreisligisten. Beide arbeiten in der Nachwuchsabteilung des 1. FC Nürnberg und dürften auch in dieser Saison wieder für Erlangen zum Einsatz kommen. „Thomas will nach sieben, acht Spielen in der letzten Saison in der neuen Serie mindestens eins machen. Mehr ist mit seinen beiden Jobs in der FCN-Jugend und als Assistenztrainer bei der tschechischen Nationalmannschaft nicht möglich. Bei Marek sieht es terminlich auch schwierig aus“, sagt Frasch.

Von der Thekentruppe zur Kreisliga-Mannschaft

Notfalls muss Mintal wie auch schon beim Aufstieg 2016 erneut den Helden spielen. Doch in Abstiegssorgen will der Klub nicht geraten. „Wir wollen uns nach unten einen großen Puffer aufbauen“, betont der Victoria-Trainer, der mit seinem Team bis dato aus elf Spielen 19 Punkte holte: „Wir haben keine Ambitionen, noch eine Liga höher zu spielen. Dafür müssten wir dann mehr trainieren.“ Und das ist beim Klub aus Erlangen bekanntlich nicht möglich.

Der Verein kennt diese Umstände bereits seit der Gründung im Jahr 1997. Der heutige Team-Manager John Fröhlich gründete mit ein paar Kumpels den Klub quasi an der Theke. „Das war eine Schnapsidee. Nach zwei unerfolgreichen Jahren erhielt der Verein eine Anfrage vom Verband, ob es überhaupt weitergehen soll. Dann gab es ein paar Jahre später die Idee mit den Mitarbeitern, als John Fröhlich beruflich zu Adidas kam. Und so wurde aus einer Thekentruppe eine gute Kreisliga-Mannschaft“, sagt Frasch.

Das Amateurfußball-Bündnis #GABFAF berichtet regelmäßig über Probleme bei Amateurvereinen. Hier eine Auswahl an Klubs, die davon profitiert haben:

<strong>Suchsdorfer SV (Schleswig-Holstein):</strong> Die C-Jugend des Suchsdorfer SV hatte gleich doppeltes Glück. Im Zuge des Abschieds von Rafael van der Vaart im Hamburger Volksparkstadion durfte das Team das Pre-Game gegen Damian van der Vaart und seine Mannschaft von Victoria Hamburg spielen. Zusätzlich gab es eine neuen Trikotsatz oben drauf.  Zur Galerie
Suchsdorfer SV (Schleswig-Holstein): Die C-Jugend des Suchsdorfer SV hatte gleich doppeltes Glück. Im Zuge des Abschieds von Rafael van der Vaart im Hamburger Volksparkstadion durfte das Team das Pre-Game gegen Damian van der Vaart und seine Mannschaft von Victoria Hamburg spielen. Zusätzlich gab es eine neuen Trikotsatz oben drauf.  ©
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Mithilfe eines Spendenaufrufs: Torhüter wird fürs Saisonfinale eingeflogen

Für den 31-Jährigen ist es bereits die fünfte Saison im Trikot der Victoria. Als Mitarbeiter von Adidas ist auch er über Fröhlich in das Team gerutscht. Einen Höhepunkt vergisst der Torhüter sicher nie. Im entscheidenden Spiel um den Klassenerhalt in der vergangenen Saison weilte er eigentlich mit seiner heutigen Frau im Frankreich-Urlaub. Doch es konnte kein Ersatz gefunden werden. Sein Bruder und der Kapitän Jan Wildner starteten einen Spendenaufruf und sammelten ausreichend Geld in kürzester Zeit zusammen. Für welchen Zweck? „Ich bin morgens von Paris nach Nürnberg geflogen, habe am Nachmittag gespielt und bin dann am Abend aus Frankfurt zurück nach Paris geflogen“, erzählt der Victoria-Coach.

Frasch ist natürlich nicht ganz so freigestellt wie seine Spieler. Der Torhüter ist fast bei allen Einheiten am Start und löst mit seinem Bruder immer wieder ein großes Puzzle. Wäre so ein freiwilliger und dazu auch noch erfolgreicher Fußball auch in anderen Vereinen denkbar? „Natürlich würde das klappen. Wir sind aber schon ein sehr spezieller Klub. Wir vertrauen den Spielern, wenn sie absagen. Die Spieler zahlen dieses Vertrauen jedoch zurück und keiner lässt das Team hängen, weil ihm am Wochenende spontan etwas Besseres einfällt. Da kommt auch keiner an und bleibt zu Hause, wenn der Hamster stirbt“, lacht Frasch: „Es kommt aber mal vor, dass sich jemand vor dem Spiel erstmal bei zwei, drei Mitspielern vorstellen muss.“ Und das macht dieses Projekt bei Victoria Erlangen so spannend und einzigartig.

Von der vierten bis zur elften Liga: Die Zuschauerrekorde in den Amateurklassen

4. Liga, 07.02.2015: Zum Spiel in der Regionalliga West kamen satte 30.313 Zuschauer. Was zu diesem Zeitpunkt noch ein richtiges Topspiel war, endete für beide Teams bitter - zum Aufstieg reichte es für keinen.   Zur Galerie
4. Liga, 07.02.2015: Zum Spiel in der Regionalliga West kamen satte 30.313 Zuschauer. Was zu diesem Zeitpunkt noch ein richtiges Topspiel war, endete für beide Teams bitter - zum Aufstieg reichte es für keinen.   ©
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