30. März 2020 / 17:53 Uhr

So kämpfen Vereine in der Regionalliga Nordost gegen die Coronavirus-Krise

So kämpfen Vereine in der Regionalliga Nordost gegen die Coronavirus-Krise

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Abdulkadir Beyazit (l.) im Zweikampf mit Ryan Malone.
Abdulkadir Beyazit (l., hier im Duell mit Ryan Patrick Malone) erzielte am 25. April 2018 im Trikot des SV Babelsberg 03 gegen den 1. FC Lok Leipzig beim 4:2-Heimsieg drei Treffer und wechselte nach der Saison zum FC Energie Cottbus. © Jan Kuppert/Archivbild
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Retro-Matchdays und Care-Pakete: Der SV Babelsberg 03, Chemie Leipzig, der FC Energie Cottbus und andere Teams  aus der Regionalliga Nordost versuchen, den finanziellen Schaden während der Zwangspause im Rahmen zu halten.

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Frank Kühne musste sich in den vergangenen Tagen mehrfach verwundert die Augen reiben. So richtig glauben kann der Präsident der BSG Chemie Leipzig immer noch nicht, wie sich die Sonderaktion des Clubs aus der Fußball-Regionalliga Nordost entwickelt hat. Um den Einnahmenverlust der Corona-Krise aufzufangen, hatte der Regionalligist Unterstützerpakete gepackt und über die Internetseite verkauft. Ziel: 80 000 Euro. Das war schon nach vier Tagen erreicht, Tendenz steigend.

„Das ist sensationell. Es zeigt sich mal wieder, dass wir kein normaler Viertligist sind. Wir waren schon mehrfach tot. Unsere Fans haben einen unglaublichen Leidensweg hinter sich“, sagt Kühne. Zuletzt stand der Soli-Pegel bei 115 848 Euro. „Es ist ja nicht nur eine Spende, sondern die Fans bekommen auch etwas dafür zurück. Sie holen sich die BSG nach Hause, wenn sie schon nicht ins Stadion dürfen.“ Zudem verzichteten die Spieler, die als reine Amateure ohnehin nur für eine Aufwandsentschädigung kicken, auf einen Teil des Geldes.

Insgeheim freut man sich bei Chemie auch darüber, dass die eigene Aktion deutlich erfolgreicher als die des Erzrivalen 1. FC Lok Leipzig ist. Der Verein von Trainer Wolfgang Wolf und dem Ex-Babelsberger Matthias Steinborn verkauft zum Preis von einem Euro Tickets für ein virtuelles Rekordspiel am 8. Mai, will – angelehnt an das legendäre Europapokal-Halbfinale gegen Bordeaux 1987 – auf 120 000 Zuschauer kommen. Am Sonntagabend waren es beachtliche 88 247. Ein kleiner Derby-Sieg für Chemie – ob es das echte Duell in dieser Saison noch einmal geben wird, ist äußerst fraglich.

Um die Fußball-Durststrecke etwas erträglicher zu gestalten und nebenbei etwas Geld einzunehmen, setzt der SV Babelsberg 03 seit zwei Wochen auf Retro-Matchdays. Jeden Samstagnachmittag um 15 Uhr gibt es auf der Homepage der Babelsberger einen Retro-Matchday aus dem Karl-Liebknecht-Stadion. „Die Resonanz war großartig“, sagt Babelsbergs Geschäftsstellenleiter Marcel Moldenhauer. Zu sehen gibt es unter anderem den Klassenerhalt in der 3. Liga, den Sieg in der 1. Runde des DFB-Pokals gegen den FC Hansa Rostock oder „das unvergessene 3:2 gegen Union Berlin am 4. Spieltag der 2. Bundesliga 2001/2002. Dabei müssen die Fans des Regionalligisten nur drei Euro spenden und können sich dieses Video auf der Homepage anschauen. Für 20 Euro verkaufen die Babelsberger auch eine Dauerkarte für die nächsten zwei Monate.

In Bildern: Das sind die Rekordspieler der Regionalliga Nordost seit 2012/13. Stand: 16. März 2020

<b>Das sind die Rekordspieler der Regionalliga Nordost seit der Saison 2012/13.</b> Zur Galerie
Das sind die Rekordspieler der Regionalliga Nordost seit der Saison 2012/13. ©

Dauerkarteninhaber für die Regionalliga-Spiele der Mannschaft von Trainer Predrag Uzelac, die sportlich um den Klassenerhalt kämpft und aus den vergangenen beiden Spielen gegen Germania Halberstadt (0:0) und den SV Lichtenberg 47 (4:1) immerhin vier Punkte einfahren konnte, können sich über die Mailadresse tickets@babelsberg03.de melden und kriegen einen Zugang zugeschickt.

Weiter im Nordosten steht ein virtuelles Benefizspiel an. Der BFC Dynamo, der mit Philip Schulz bereits einen positiven Covid19-Fall in der Mannschaft hatte, wird am Osterwochenende gegen den FC Corona Covid-19 antreten. „Die Ausgaben des täglichen Geschäftsbetriebs laufen weiter, doch wichtige Zuschauereinnahmen können derzeit nicht generiert werden“, beschreibt der Verein die Notwendigkeit solidarischer Aktionen.

Auch beim Aufsteiger SV Lichtenberg versucht man, den finanziellen Schaden während der Zwangspause so gering wie möglich zu halten. Deshalb hat sich der Ostberliner Verein dazu entschieden, virtuelle Tickets für die kommenden Spiele zu verkaufen.

Bei Energie Cottbus setzt man ebenfalls auf die Unterstützung seiner Fans. Diese können „Antikörper“ für rund 20 Euro erwerben, um dabei mitzuhelfen, den Verein „immun“ gegen die wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus zu machen. „Sie können lindern, Sicherheit geben und Platz für unsere Zukunft geben“, teilte der Verein mit. Bereits im vergangenen Sommer hatten die Lausitzer eine ähnliche Fanaktion ins Leben gerufen, um dem Verein nach dem Abstieg aus der 3. Liga finanziell zu helfen. Damals wurden mehr als 10 000 Tickets für ein fiktives Spiel verkauft und spülten nach eigenen Angaben eine sechsstellige Summe in die Kassen des FCE.

In Bildern: 50 ehemalige Spieler von Energie Cottbus – und was aus ihnen wurde.

Klickt Euch durch die Galerie der 50 ehemaligen Spieler von Energie Cottbus. Zur Galerie
Klickt Euch durch die Galerie der 50 ehemaligen Spieler von Energie Cottbus. ©

Wie und ob es sportlich weitergeht, weiß derzeit niemand. Auch der Nordostdeutsche Fußballverband nicht. Die Verantwortlichen wollen die Entwicklungen abwarten und am 20. April die nächste Entscheidung treffen. Leidtragender eines Abbruchs könnte Tabellenführer VSG Altglienicke werden. Trainer Karsten Heine gibt zu, von den Auswirkungen der Corona-Krise „völlig kalt erwischt worden“ zu sein. Er habe noch keine Szenarien durchgespielt, wie die Saison weiter gehen könnte, „aber die Fragezeichen werden größer“. Die aktuellen Maßnahmen bezeichnet der 64-Jährige als „unwirklich, aber notwendig“.

Bei Chemie im Westen Leipzigs hat man die Saison bereits abgehakt. „Das wäre doch kein Wettbewerb mehr. Vom Kopf her haben wir schon abgeschlossen“, sagt Boss Kühne und fordert: „Es muss langsam eine klare Ansage vom Verband kommen. Dann hätten alle Gewissheit.“ Ob nach Ostern tatsächlich eine klare Entscheidung fällt, darf allerdings bezweifelt werden.