17. September 2021 / 12:46 Uhr

Sogar 96-Sportdirektor Mann lobt ihn: Kianz Froese ist Havelses Königstransfer

Sogar 96-Sportdirektor Mann lobt ihn: Kianz Froese ist Havelses Königstransfer

Jonas Szemkus
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Haut sich für Havelse rein: Kuba-Kanadier Kianz Froese ist so was wie der Königstransfer des TSV – und auch neben dem Platz ein spannender Charakter. 
Haut sich für Havelse rein: Kuba-Kanadier Kianz Froese ist so was wie der Königstransfer des TSV – und auch neben dem Platz ein spannender Charakter.  © Florian Petrow
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Kianz Froese war vor einem Monat so etwas wie der Königstransfer für den TSV Havelse. Der kanadische Kubaner lebt Optimismus vor, baut Kaffee an - und hat mit dem Drittligaaufsteiger noch große Ziele. Er habe sich bewusst für das Projekt beim TSV entschieden und hat "einfach richtig Bock auf die 3. Liga". Wir haben mit ihm offen über Geld, Fußball, seine Familie sowie seine psychische Gesundheit während der Corona-Zeit gesprochen.

„Da ist der erste Punkt, ich hab‘s dir ge­sagt!“ Kianz Froese ist optimistisch geblieben trotz des miesen Starts mit Havelse, so wie der 25-Jährige immer optimistisch bleibt im Leben. „Langsam, aber stetig – es wird. Du weißt ja, das Glas ist immer halb voll.“ Ein 0:0 in Würzburg hat dem Drittligaaufsteiger aus Garbsen den ersten Punkt der Saison eingebracht – und für Froese die Bestätigung: „Wenn wir hart arbeiten, werden wir belohnt. Es geht ums Herz, nicht um die Größe des Budgets. Au­ßen­sei­ter können sich durchsetzen, deshalb ist Fußball so ein toller Sport. Wir müssen uns nur reinhängen.“

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Der kanadische Kubaner (geboren in Havanna, zwei Länderspiele für Kanada) war für Havelse vor einem Monat so etwas wie der Königstransfer. Einer, der seinen Traum lebt als Fußballer, obwohl er das eigentlich nicht müsste. Einer, der höchstens in einem Nebensatz mal erwähnt, dass er mit Bitcoins mehr Geld verdient haben dürfte als in der ganzen Fußballerkarriere oder dass er mit 18 Jahren in eine bekannte Fitness-App investiert hat und in der kubanischen Heimat eine eigene Kaffeeplantage betreibt. Mehrere Hektar, aber keine große Sache, findet Froese. Er spricht viel lieber über Fußball.

Das ist die Einzelkritik zum Heimspiel des TSV Havelse gegen Borussia Dortmund II

<b>Norman Quindt - 2:</b> Rettet lange das 0:0, reflexschneller und wichtiger Rückhalt. Macht sich gut lang beim ersten Dortmunder Fern-Versuch, hält bärenstark im Eins-gegen-Eins gegen Tatterusch und aus kurzer Distanz gegen Pohlmann. Chancenlos beim Dortmunder Treffer, verhindert ein weiteres Gegentor wieder im Eins-gegen-Eins  Zur Galerie
Norman Quindt - 2: Rettet lange das 0:0, reflexschneller und wichtiger Rückhalt. Macht sich gut lang beim ersten Dortmunder Fern-Versuch, hält bärenstark im Eins-gegen-Eins gegen Tatterusch und aus kurzer Distanz gegen Pohlmann. Chancenlos beim Dortmunder Treffer, verhindert ein weiteres Gegentor wieder im Eins-gegen-Eins  ©

Froese blickt über den Tellerrand

Froese strahlt kubanische Lockerheit aus, ist dabei aber reflektiert. Und er macht sich gern Gedanken übers Leben, blickt über den Tellerrand. Das hat er von seinem Vater Joseph, der in Kanada einst reich wurde mit Tüfteleien und seinem Solarofen, dann sein Vermögen als Entwicklungshelfer spendete und bei Projekten im Kuba der 90er-Jahre die große Liebe fand. Die Lebensfreude und den Drang nach Abenteuer hat er vererbt. „Er hat mich immer unterstützt“, sagt der Sohn. Und so kickt Kianz in Europa.

Über die nordamerikanische Profiliga MLS empfahl er sich. Den ersten Profivertrag in Deutschland gab’s bei Fortuna Düsseldorf, bei Traditionsklub Saarbrücken sammelte er Drittligaerfahrung. Das Kapitel beim FCS ist seit Sommer vorbei, das gefiel vielen Fans dort gar nicht. Für Havelse war’s ein Glücksfall. Der TSV bekam den offensivstarken Mittelfeldspieler ablösefrei und damit richtig Qualität. Froeses Ex-Trainer Lukas Kwasniok, früher in Saarbrücken verantwortlich und jetzt bei Zweitligist Paderborn, nannte den Kubaner einst den besten Einwechselspieler der 3. Liga.

Rekord im DFB-Pokal aufgestellt

Und als es Saarbrücken vor anderthalb Jahren sensationell ins Pokalhalbfinale schaffte, stellte Froese mit kanadischem Vater sogar einen Rekord auf: Als erster Nicht-Bundesliga-Spieler be­rei­te­te er in einer DFB-Pokal-Saison vier Tore vor. Kein Wunder, dass einer seiner Entdecker bis heute lobende Worte findet: Marcus Mann hatte Froese im Unterbau von Fortuna Düsseldorf entdeckt und nach Saarbrücken ge­lotst. „Kianz ist ein sehr dynamischer, definitiv ein guter Drittligaspieler“, betont Mann, der mittlerweile bei 96 Sportdirektor ist, „mit ihm hat Havelse einen guten Griff ge­tan.“

Dabei hatten die Verantwortlichen des TSV den Deal fast schon abgehakt. Erst mit einer Woche Verzögerung sagte Froese noch zu. Eine Frage des Geldes, weil beim Aufsteiger aus Garbsen für Drittligaverhältnisse nur Mini-Gehälter fließen? Froese winkt lächelnd ab. „Früher waren mir Geld und Konsum wichtig“, erzählt er, „da habe ich Sachen gekauft, die ich nicht brauchte, um dazuzugehören.“ Aber diese Zeiten seien vorbei, sagt er, auch wenn die neongelben Badelatschen an den Füßen von Louis Vuitton sind. „Man sagt, dass Geld nicht glücklich macht. Ich finde, das stimmt“, sagt er mit Überzeugung. In Havelse ge­he es ihm „mehr um die Leute, um das Projekt. Das hat mich überzeugt, und ich habe einfach richtig Bock auf die 3. Liga.“ Froese ist zwar noch dabei, sich richtig einzufinden beim TSV, aber die Qualitäten scheinen schon durch.


Mehr über den TSV Havelse

"Er hat mich immer blind unterstützt, wir waren beste Freunde. Sein Tod hat mich emotional sehr mitgenommen."

Die verhältnismäßig lange Zeit bis zur Zusage in Havelse hatte ohnehin einen guten Grund. Und Froese macht keinen Hehl daraus, er spricht offen über psychische Ge­sund­heit in der Corona-Zeit. Seit sein Vater vor drei Jahren starb, hatte der Fußballprofi zu kämpfen. „Er hat mich immer blind unterstützt, wir waren beste Freunde. Sein Tod hat mich emotional sehr mitgenommen“, erzählt der 25-Jährige. Die Pandemiezeit habe das verstärkt: „Ich hatte meine Familie nicht bei mir, konnte sie wegen der Pandemie nie besuchen. Das hat mir gefehlt.“

Nach einem Jahr, in dem er nur Fußball im Kopf hatte, nahm er sich eine Auszeit und reiste in der Sommerpause länger als üblich zu Mutter Es­pe­ran­za und seiner kleinen Schwester nach Havanna. „Manchmal gibt es Mo­men­te, in denen du eine starke Schulter und Rückhalt brauchst. Das ist deine Familie“, erzählt Froese offen, „ich hatte viele Angebote, aber ich habe abgelehnt. Ich war noch nicht bereit, irgendwo zuzusagen.“ Bis Havelse kam. Jetzt wohnt Froese in Limmer statt Havanna und ist glücklich. Jetzt fehlt nur noch der erste Saisonsieg.