29. November 2021 / 12:42 Uhr

Trostloser Zustand: Wie sich ein Geisterspiel in der Red-Bull-Arena anfühlt

Trostloser Zustand: Wie sich ein Geisterspiel in der Red-Bull-Arena anfühlt

Antje Henselin-Rudolph
Leipziger Volkszeitung
„Abstand halten steht auf der Anzeigentafel über den leeren Tribünen der Red-Bull-Arena. Auf den Werbebanden wird „Gute Heimreise gewünscht – wem auch immer.
„Abstand halten" steht auf der Anzeigentafel über den leeren Tribünen der Red-Bull-Arena. Auf den Werbebanden wird „Gute Heimreise" gewünscht – wem auch immer. © dpa
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In Sachsen dürfen derzeit nur die Profis kicken, und zwar ohne Fans. Die Bundesliga-Partie zwischen RB Leipzig und Bayer Leverkusen war das einzige Geisterspiel im Fußball-Oberhaus an diesem Wochenende. LVZ-Sportchefin Antje Henselin-Rudolph war das erste Mal bei einer Begegnung in der leeren Red-Bull-Arena vor Ort und hat ihre Eindrücke notiert.

Leipzig. In der Feuerbachstraße, vor der Bäckerei Schultz, ist an Spieltagen immer viel los. So viel, dass ich die Straßenseite wechseln muss, will ich weitergehen Richtung Stadion. Hier treffen sich die Fans, diskutieren und trinken sich schon einmal warm für’s Spiel. Das findet an diesem Sonntagabend zwar wie geplant statt, aber ohne Zuschauer. Das Wechseln der Straßenseite kann ich mir also sparen. Zwischen den Häusern leuchtet die Red-Bull-Arena, rot und weiß, wie sonst auch. Immerhin etwas Normalität.

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"Bitte lasst euch impfen!"

Mit der ist es wenige Meter weiter vorbei. Denn da, wo sonst Hunderte Menschen wuseln, wenn ich rund 90 Minuten vor Anpfiff vorbeikomme, bewacht heute ein einzelner Steward den Eingang am Stadionvorplatz. Der Mann, der sonst an einem kleinen fahrbaren Stand Begegnungsschals anbietet, ist daheim geblieben. Gleiches gilt für das Team des Fanshops. Es fehlt schlicht an Kundschaft. Die Einfahrt zur Arena, die neben den Mannschaftsbussen sonst immer die VIPs nehmen, ist fast verwaist. Am Straßenrand haben drei Fans Posten bezogen. Sie halten ein Banner. „Ohne Fans ist es still im Stadion“ steht darauf. Zwischen zwei Laternenpfählen haben sie eine Schnur gespannt. Daran hängen vier Zettel mit je einem Wort: „Bitte lasst euch impfen!“ Lesen wird die Botschaft kaum jemand.

DURCHKLICKEN: Geisterspiel-Atmosphäre rund ums Stadion

Gähnende Leere vor dem Pub in der Waldstraße. Hier treffen sich vor RB-Spielen die Fans zu Gesprächen und ersten Getränken. Zur Galerie
Gähnende Leere vor dem Pub in der Waldstraße. Hier treffen sich vor RB-Spielen die Fans zu Gesprächen und ersten Getränken. ©

Dass Geisterspiele für die, die berufsbedingt daran teilhaben dürfen, kleinere Vorteile haben, bemerke ich am Eingang. Denn da bin ich in diesem Moment die Einzige, die vorstellig wird. Impfnachweis, Akkreditierung, ein Blick in meinen Rucksack – zumindest in diesem Punkt ist dann doch alles wie sonst auch, inklusive des Lunchbeutels, gefüllt mit zwei belegten Brötchen, Wasser und einer Mandarine. Im Aufzug bin ich, natürlich, allein. Der Weg hinein ins Rund, über den Wall, fühlt sich seltsam an.


Für die Gäste gibt's ein Lied

Mein Platz ist heute ganz oben, Block 121, Reihe 30. Ein paar Kolleginnen und Kollegen sind schon da, dick eingepackt. Bei zwei Grad Celsius ist das auch nötig. Die Teams machen sich unten auf dem Rasen warm. Aus der letzten Reihe betrachtet wirken sie fast schon wie Ameisen. Aus den Lautsprechern tönt die übliche Musik. Auf der Anzeigetafel prangt: „Abstand halten!“ Das sollte heute nun wirklich kein Problem sein.

Als Stadionsprecher Tim Thoelke, wie immer im roten Jackett, sich an die Leverkusener wendet und ankündigt „Hier kommt euer Lied“ entfährt es meinem Sitznachbarn: „Wozu denn? Hier ist doch keiner!“ Die RB-Hymne, zu der die Fans sonst ihre Schals über ihren Köpfen kreisen lassen, bleibt dagegen ungespielt. Dafür ertönen zum Einlauf der Teams die üblichen Fanfaren. Thoelke wählt die gleichen Worte wie immer. Aber das „Hier kommen die besten Fußballer aus der schönsten Stadt der Welt“ klingt so traurig und gedämpft, dass es fast schon weh tut.

Weh tut dann auch das, was sich auf dem Rasen abspielt. Die Hausherren finden nicht in die Partie. Ob’s an der fehlenden Unterstützung von den Rängen liegt. „Wir gewöhnen uns nie daran“, wird André Silva später sagen „Die Fans und ihr Support sind wichtig.“ Während der Portugiese und seine Kollegen sich erfolglos abmühen – ihnen fehlt Biss und die so viel beschworene Intensität – kriecht die Kälte unbarmherzig in Füße und Hände. Dem Drang, den mitgebrachten heißen Tee einfach in die Stiefel zu kippen, widerstehe ich erfolgreich. Währenddessen schreit Keeper Josep Martinez immer wieder in Richtung seiner Vorderleute. Ob er gehört und verstanden wird, bleibt unklar. Florian Wirtz und Moussa Diaby treffen trotzdem. Zur Pause steht es 0:2.

Stimmung für ein paar Sekunden

Via Stadionmikrofone schmettern Lotte und Max Giesinger „Auf das was da noch kommt“. Ob da noch was kommt? Zumindest trifft Silva per Kopf zum 1:2. Und plötzlich, nur für ein paar Sekunden, kommt Stimmung auf. Jubelgeschrei von den Machern des Fanradios, einigen RB-Mitarbeitern und aus dem VIP-Bereich. Dort ist es nicht ganz so leer wie im Rest des Stadions. Etwa 15 Vertreter je Team dürfen Platz nehmen, natürlich mit Abstand, auf den Tim Thoelke am Ende des Abends mehrfach hingewiesen haben wird. Die verletzten Marcel Halstenberg und Dani Olmo sitzen beispielsweise da auf den roten gepolsterten Plätzen. Der Spanier, wohl wärmeres Klima gewöhnt, ist in mehrere Decken eingehüllt. Er muss mit ansehen, wie sein Team postwendend das 1:3 kassiert. Jeremie Frimpong zieht ab, Angelino fälscht ab, Martinez kann nur hinterhergucken.

Es ist noch eine halbe Stunde zu spielen. „Da steht doch keiner“, brüllen die Zwei vom Fanradio. Der Ruf durchschneidet die Stille wie ein Messer ein Stück gut temperierte Butter. Er hallt nach im leeren Rund. Dass Dominik Szoboszlai vor dem verwaisten Block B einen Elfmeter vergibt, passt ins Bild dieses Abends. Tristesse auf den Rängen, Tristesse auf dem Rasen. Als Schiri Benjamin Cortus abpfeift, bin ich fast schon erleichtert. Es hat ein Ende, nicht nur das Spiel an sich, sondern auch dieser trostlose Zustand. Fußball ohne Fans, das fühlt sich einfach falsch an.