14. April 2020 / 12:25 Uhr

Tor in der 119. Minute! Ein Gentner-Treffer, der für den VfL einmalig blieb

Tor in der 119. Minute! Ein Gentner-Treffer, der für den VfL einmalig blieb

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Kazan-Keeper Sergej Ryzhikov streckte sich vergeblich, Christian Gentner und Marcel Schäfer (l.) bejubeln das Siegtor.
Kazan-Keeper Sergej Ryzhikov streckte sich vergeblich, Christian Gentner und Marcel Schäfer (l.) bejubeln das Siegtor.
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75 Jahre wird der VfL Wolfsburg alt: Grund genug, um an besondere Fußball-Momente zu erinnern – und an wichtige, kuriose und spezielle Tore. In unserer Serie "Jeden Tag ein Tor" stellen wir jeweils einen dieser Treffer vor und erzählen die Geschichte dahinter. Heute geht's um ein Tor, das einmalig blieb.

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Der Querpass von Obafemi Martins rollte exakt auf der Strafraumgrenze entlang, als Christian Gentner Maß nahm. Die 119. Minute des Europa-League-Spiels gegen Rubin Kazan war fast rum, ein Elfmeterschießen schien unausweichlich. Doch dann passte alles: Gentners Direktschuss mit rechts war eine wohl kalkulierte Mischung aus Kraft und Gefühl, Kazan-Keeper Sergej Ryzhikov streckte sich vergeblich, der Ball rauschte unten rechts ins Tor. Wenig mehr als zehn Jahre ist dieser Treffer her, und er sollte eine Besonderheit bleiben: Denn der Siegtreffer zum 2:1 im Rückspiel des Europa-League-Achtelfinals ist das einzige Tor in der einzigen Verlängerung, die Wolfsburg in einem internationalen Pflichtspiel absolvierte.

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Jeden Tag ein Tor: Hier geht's zum ersten Teil der Serie

Veh hatte die Hosen unten

Es war eine merkwürdige Saison, die der VfL als amtierender Meister spielte. Felix Magath hatte den Klub nach dem Titelgewinn Richtung Schalke verlassen, Nachfolger Armin Veh gelang ein guter Start, ehe sich die Negativerlebnisse häuften. Achter war Wolfsburg nach der Hinrunde, hatte zudem die K.o.-Runde der Champions League durch bittere Niederlagen bei ZSKA Moskau (1:2) und gegen Manchester United (1:3) verpasst. Immerhin: Dank Gruppenplatz 3 durfte der VfL in der Europa League weitermachen - doch als dort die K.o.-Phase startete, war Veh schon nicht mehr dabei. Zwei Niederlagen zu Beginn der Rückrunde (in Stuttgart und gegen Köln) hatten seine Amtszeit als geschäftsführender Trainer-Manager beendet, entmachtet worden war er schon vorher - durch die Verpflichtung des neuen Geschäftsführungs-Vorsitzenden Dieter Hoeneß, gegen die sich Veh vorher noch vergeblich gewehrt hatte: "Dann hätte ich ja total die Hose unten, das geht doch nicht".

Es ging doch - aber nicht gut. Nach dem Veh-Aus übernahm der bei den Fans beliebte VfL-II-Coach Lorenz-Günther Köster den Bundesliga-Job und sorgte zumindest für Stabilität in der Liga - und für Erfolgserlebnisse in Europa. Nach einem 1:1 in Spanien fegten die Wolfsburger den FC Villareal im Rückspiel mit 4:1 vom Platz, das 1:1 im Achtelfinale-Hinspiel im Südwesten Russlands bei Rubin Kazan (mit 24 mitgereisten Fans!) war ein Achtungserfolg, das Rückspiel (mit Marwin Hitz im VfL-Tor) wurde dann dramatisch, nach der Führung der Gäste sorgte Martins (wurde trotz Grafite-Verletzung nur eingewechselt) für den Ausgleich und die Verlängerung.

12 Meilensteine aus 75 Jahren VfL Wolfsburg

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"Scheißegal, ihr müsst das regeln"

Und dann kam Gentner. Sein Treffer zum 2:1 gegen das dezimierte Rubin-Team (Cesar Navas hatte Gelb-Rot gesehen) war eines von 17 Toren, die Gentner in 126 Pflichtspielen für den VfL schoss. 2007 vom VfB Stuttgart ausgeliehen (und ein Jahr später fest verpflichtet) war der schlaksige Mittelfeldmann schnell zur festen Größe im Wolfsburger Team geworden, bildete in der Meistersaison zusammen mit Marcel Schäfer ein Top-Duo auf der linken Seite. Wie Magath das Duo taktisch einstellte, verriet Gentner unlängst dem Kicker: "Er sagte: Das ist scheißegal, ihr müsst das regeln…"


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Geboren wurde Gentner unweit von Stuttgart in Nürtingen - der Heimat von Harald Schmidt, Thomas Brdaric und Daniel Didavi. Ein Jahr nach dem Titel zog es ihn zum VfB (mit dem er 2007 als Ergänzungsspieler bereits Meister geworden war) zurück, dort wurde er Führungsspieler und Kapitän, ehe er nach dem Abstieg 2019 keinen neuen Vertrag mehr bekam und zu Union Berlin wechselte. Das 400. Bundesliga-Spiel seiner Karriere machte er kurz vor der Corona-Pause ausgerechnet gegen den VfL, ein weiteres kam anschließend noch dazu. Keiner aus dem Wolfsburger Meisterkader 2009 kam auf so viele Erstliga-Einsätze. "Ich hatte eine großartige Zeit in Wolfsburg", sagt er. Für den VfL aber brachen nach seinem Tor gegen Kazan alles andere als großartige Zeiten an. Im Viertelfinale der Europa League kam das Aus gegen Fulham. Und bis Wolfsburg wieder auf Europas Bühne auftauchte, sollten mehr als vier Jahre vergehen.