01. Dezember 2021 / 20:10 Uhr

So will Jesse Marsch RB Leipzig führen: „Der Trainer ist weniger wichtig“

So will Jesse Marsch RB Leipzig führen: „Der Trainer ist weniger wichtig“

Antje Henselin-Rudolph
Leipziger Volkszeitung
 RB Leipzig - Hertha BSC / 25.09.2021 Leipzig, 25.09.2021, Red Bull Arena, Fussball Bundesliga, 6. Spieltag , RB Leipzig vs. Hertha BSC Berlin , Im Bild: Mannschaft von RB Leipzig, Spielerkreis. , DFL regulations prohibit any use of photographs as image sequences and/or quasi-video. , *** RB Leipzig Hertha BSC 25 09 2021 Leipzig, 25 09 2021, Red Bull Arena, Fussball Bundesliga, 6 Spieltag , RB Leipzig vs Hertha BSC Berlin , Im Bild Mannschaft von RB Leipzig, Spielererkreis , DFL regulations prohibit any use of photographs as image sequences and or quasi video , Picture Point
RB Leipzigs Coach Jesse Marsch erhofft sich, dass das Team auf dem Platz selber mehr Verantwortung füreinander übernimmt und damit noch mehr zusammen wächst. © imago images/Picture Point LE
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RB Leipzigs Trainer Jesse Marsch steht aufgrund der immer wieder stark schwankenden Leistungen seines Teams seit Saisonbeginn in der Kritik. Seine Auffassung von Führung könnte zur fehlenden Konstanz beitragen. Denn sie bedeutet eine Abkehr von eingeübten Verhaltensmustern.

Leipzig. Wie viel Führung braucht eine Mannschaft? Und wie genau sollte die aussehen? RB Leipzigs Coach Jesse Marsch hat da ganz eigene Ansichten. Sein Motto: „Der Trainer ist weniger wichtig.“ Mehr noch: „Die Mannschaft muss bereit sein, auf dem Platz alles selbst zu machen. Sie brauchen da keinen Trainer.“

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Will sich da jemand selbst abschaffen? Immerhin steht der 48-Jährige nach nur 18 Punkten aus 13 Spielen und Bundesliga-Platz acht sowie immer wieder stark schwankenden Leistungen fortwährend in der Kritik. Die Erwartungen erfüllte das Team bisher nicht.

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Marschs Art, Führung zu leben, könnte eine der Ursachen dafür sein. Denn sie bedeutet einen Paradigmen-Wechsel am Cottaweg. Der Coach weiß das. „Mir ist klar, dass das hier schwer zu verstehen ist. In Deutschland ist Hierarchie sehr wichtig. Hier muss der Trainer alles machen, taktisch alles vorgeben, jedem genau sagen, was er tun soll.“


Marschs Vorgänger Julian Nagelsmann machte genau das. Mit Hilfe seines Analysten Benjamin Glück und weiterer Experten tüftelte er an jeder Kleinigkeit. Wenn es im Spiel nicht lief, griff der 34-Jährige an der Seitenlinie oft tief in den sprichwörtlichen Maschinenraum, zog diesen oder jenen Kniff aus der imaginären Taktik-Tasche. Jeder hatte seinen Platz seine Aufgabe und mehrere vorgegebene Handlungsoptionen. Nagelsmann überließ nichts dem Zufall. Leipzigs Technischer Direktor Christopher Vivell sagte dazu vor einigen Wochen im LVZ-Interview: „Julian hat ja auch – ich sage es mal so – sehr viel Raum eingenommen.“ Der Trainer war im positiven Sinn schlicht dauerpräsent.

„Einer für alle und alle für Einen“

Und Marsch? Der verlagert die Verantwortung von der Seitenlinie auf den Rasen und in die Kabine. Ganz bewusst. „Die Spieler müssen wissen, was das Spiel braucht“, sagt er. Das Handwerkszeug dafür wird im Training erarbeitet. „Wir haben Taktik, Plan und Prinzipien“, erklärt der Coach die Herangehensweise. „Das ist wichtig. Aber nichts ist besser als eine echte Mannschaft auf dem Platz, wo jeder alles für jeden gibt. Das ist mein Ziel.“

Einer, der diese Herausforderung bestens an- und Verantwortung übernimmt, ist der aktuell in Corona-Quarantäne befindliche Yussuf Poulsen. Der Däne entwickelte sich in den vergangenen Monaten immer mehr zum Führungsspieler auf und neben dem Platz. Das geht so weit, dass er inzwischen sogar Coaching-Aufgaben übernimmt, wie zuletzt beim Champions-League-Spiel in Brügge, das Marsch coronabedingt verpasste. Der US-Amerikaner empfindet das nicht als unpassend. Gedanken wie „Der Poulsen muss einspringen, weil der Marsch es nicht kann“ würden ihm wohl nie in den Sinn kommen. Dass RB in Belgien ohne ihn 5:0 brillierte „war nicht gegen mich, nicht für mich, sondern für die Mannschaft“.

Mit seinem Führungsstil geht der RB-Coach dennoch ein hohes Risiko, dass sich aktuell nur zeitweise auszahlt. Das zeigt das unmittelbar auf Brügge folgende 1:3 gegen Leverkusen zu Hause. Da schien das „Einer für alle und alle für Einen“ wie weggeblasen. Denn zu viel Verantwortung kann diejenigen, die es nicht gewohnt sind, sie zu tragen, auch überfordern. Nach Informationen der „Sport Bild“ (Mittwoch) sollen es einige RB-Profis beispielsweise als belastend empfinden, dass sie sich um Unzufriedene in den eigenen Reihen selbst kümmern sollen. Auch das ist ein Wunsch von Marsch, der immer wieder betont: „Ich habe Vertrauen in die Mannschaft.“