28. Februar 2021 / 16:17 Uhr

Nach Schalke-Aus von Trainer Christian Gross: Das waren die größten Spieler-Revolten

Nach Schalke-Aus von Trainer Christian Gross: Das waren die größten Spieler-Revolten

Udo Muras
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Christian Gross ist nicht der erste Trainer, gegen den die eigene Mannschaft aufbegehrte.
Christian Gross ist nicht der erste Trainer, gegen den die eigene Mannschaft aufbegehrte. © Getty Images/IMAGO/Sportfoto Rudel (Montage)
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Der Entlassung von Trainer Christian Gross soll beim FC Schalke 04 eine Revolte von Führungssspielern voraus gegangen sein. Diese hatten offenbar das Aus des Coaches gefordert. Der SPORTBUZZER blickt zurück auf historische Spieler-Revolten im deutschen Fußball.

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Der kuriosen Fünffach-Entlassung, von der beim FC Schalke 04 am Sonntag auch Trainer Christian Gross betroffen war, soll Medienberichten zufolge eine von Führungsspielern initiierte Revolte gegen den vierten S04-Coach der Saison vorausgegangen sein. Der SPORTBUZZER, das Sportportal des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND), blickt zurück auf ähnliche Vorfälle in der deutschen Fußball-Geschichte.

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1860 München gegen Max Merkel (1966)

Im Dezember 1966 meuterte die Mannschaft von Meister 1860 München gegen Trainer Max Merkel. Dieser hatte nach einer Negativserie angekündigt, zur neuen Saison acht Spieler zu feuern, "und für die übrigen wäre es auch besser, dann gleich mitzugehen." Kapitän Peter Grosser gab eine Erklärung ab: "Worum wir seit Jahren bitten, das ist, jenes Mindestmaß an Psychologie und die elementaren Grundsätze der Menschenwürde nicht auszuschalten." Der Vorstand ließ abstimmen, akzeptierte das eindeutige Spieler-Votum von angeblich 16:1 gegen Merkel und warf ihn raus. Die Löwen kletterten noch vom achten auf den zweiten Platz.

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FC Bayern München gegen Gyula Lorant (1978)

Als der FC Bayern München 1978 Weltmeister Paul Breitner zurückholte, nahm sich der ewige Rebell als erstes der Trainerfrage an. Den harten Ungarn Gyula Lorant hatte er gefressen. "Lorant fehlen die fachlichen Voraussetzungen, das Trainingslager steht unter einem sehr schlechten Stern", sagte er ungestraft schon vor der Saison. Später gab er zu: "Ich habe solange Stunk gemacht, bis der Trainer gehen musste.“ Mit Hilfe der Kollegen fiel es leichter. Nach einem 1:7 in Düsseldorf, wo das Team offensichtlich gegen den Trainer spielte und seine Anweisung, keine Abseitsfalle zu stellen, ignorierte, wurde Lorant entlassen. Bayern-Präsident Wilhelm Neudecker sprach offen aus: „Das Spiel habt ihr manipuliert.“ Neudecker wollte ihnen zur Strafe Max Merkel vorsetzen, doch die Mannschaft verhinderte dies einstimmig (16:0) und trieb den von so viel Demokratieverständnis zermürbten Präsidenten zum Rücktritt. Die Revolte wird als Zäsur der Bayern-Historie angesehen, 1980 endeten sechs titellose Jahre in der Bundesliga.

1. FC Nürnberg gegen Heinz Höher (1984)

Im Oktober 1984 kam es beim 1. FC Nürnberg zu einem Novum im deutschen Fußball, das potenziellen Revoluzzern zu denken gab. Unter Abstiegstrainer Heinz Höher war es auch in der 2. Liga kaum besser geworden, seine taktischen Anweisungen verstand niemand. Auf Einwände reagierte er nicht, die Spieler spotteten hinter seinem Rücken: „Aber der Erfolg gibt ihm recht.“ Dann gingen die Spieler an die Öffentlichkeit, suchten die Nürnberger Tageszeitungen auf und ließen eine Erklärung abdrucken.

Auszug: „Wir möchten auf folgende Missstände hinweisen: 1. Im Bereich Trainingsinhalt auf versäumtes Konditionstraining während der Saisonvorbereitung (verursacht höhere Verletzungsanfälligkeit); 2. ein unregelmäßiges Trainingsprogramm, in dem in den letzten Wochen a) nur 1x Schusstraining stattfand, b) plötzlich Kraftübungen gemacht wurden, die zu tagelangen Muskelbeschwerden führten, c) einmal in 3 Tagen 6x trainiert, danach einmal in 3 Tagen nur 1x trainiert wurde… Herr Höher äußert seine Spielerkritik oft zynisch. Durch seine Verschlossenheit hat er jeden Kontakt mit der Mannschaft verloren. Von einer psychologischen Betreuung der Spieler durch Herrn Höher kann keine Rede sein. Wir sehen uns zu diesem Vorgehen gezwungen, da mehrere Versuche, mit Herrn Höher darüber zu sprechen, fehlgeschlagen sind.“

Der Schuss ging nach hinten los. Die „Oktober-Revolution“ von Nürnberg fraß ihre Kinder. Präsident Schmelzer warf die Rädelsführer um Torwart Rudi Kargus und Kapitän Udo Horsmann raus, junge Spieler wurden hochgezogen. Es war der Karrierrestart eines Stefan Reuter und Dieter Eckstein. Mit ihnen stieg Höher auf und erreichte sogar den UEFA-Pokal.

Hamburger SV gegen Egon Coordes (1992)

Der unbeliebte Schleifertyp Egon Coordes wurde im September 1992 von der Mannschaft des Hamburger SV mit 14:3 Stimmen quasi abgewählt. Coordes trat nach seinem Rauswurf nach: „Rohde und von Heesen haben das Spiel gegen den KSC (1:2) mit Absicht verschaukelt“. Sie und drei weitere (Bode, Spörl, Kober) hätten auch zwei Tage vor dem Spiel gegen Nürnberg „bis morgens um 5 gesoffen“, sagte Coordes. Rohde schaltete einen Anwalt ein. Kober sagte, das Besäufnis wäre eine Feier mit Familien gewesen und nur bis zwei Uhr gegangen. Auf Anraten seiner Anwälte ruderte Coordes zurück: „Ich unterstelle keinem Absicht.“ Nachfolger Benno Möhlmann führt den HSV vom 17. auf den elften Platz.

Schalke 04 gegen Jörg Berger (1996)

Ausgerechnet am Jahrestag der Wiedereinigung entließ Schalke am 3. Oktober 1996 seinen einst aus der DDR geflohenen Trainer Jörg Berger. Manager Rudi Assauer handelte auf ausdrücklichen Wunsch der Mannschaft. Von 23 Spielern „haben nur vier keine Probleme mit Berger“, ermittelte Assauer. Der Kader ging geschlossen in die ranissimo-Sendung beim TV-Sender Sat. 1, um sich zu rechtfertigen. Jens Lehmann: „Man kann es drehen und wenden wie man will. Mit diesem Trainer, dem wir alles Gute wünschen, wären wir nicht mehr weit gekommen.“ Vorwürfe: zu wenig Taktik- und Konditionstraining. Schon in Frankfurt war Berger 1991 über den Widerstand einiger Spieler gestolpert. Die Schalke-Fans schäumten, waren auf Bergers Seite, riefen bei der Vorlesung der Spielernamen beim 0:1 gegen den KSC elf Mal den Nachnamen Berger und belagerten die Kabinen. Ein Polizeisprecher warnte die Spieler: „Wir können nicht für eure Sicherheit garantieren!“ Nachfolger Huub Stevens besänftigte alle, am Saisonende wurde Schalke UEFA-Cup-Sieger.

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VfB Stuttgart gegen Winfried Schäfer (1998)

Experten hatten es kommen sehen. Die Entscheidung von Stuttgarts Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, den beliebten Joachim Löw im Sommer 1998 ausgerechnet durch einen Trainer vom Südwest-Rivalen Karlsruher SC zu ersetzen, barg Zündstoff. Angesichts der Fan-Rivalität hatte Schäfer einen schweren Stand. Ende November bekam er den Laufpass. Allerdings nicht wegen der Fans, sondern der Mannschaft, die geschlossen (25:0) für die Ablösung des „wilden Winnie“ votierte. Ruhe stellte sich nicht ein, drei weitere Trainer brachten die Saison mehr schlecht als recht zu Ende. Schäfer übergab auf Platz zehn, Ralf Rangnick wurde Elfter.

Deutschland gegen Erich Ribbeck (2000)

Ein weniger bekanntes Beispiel ereignete sich vor der katastrophalen EM 2000 bei der Nationalmannschaft. Nach einer missglückten Trainingsübung hatten einige Spieler endgültig die Nase voll vom ohnehin umstrittenen Bundestrainer Erich Ribbeck. Die Bayern-Profis Dietmar Hamann, Jens Jeremies und Markus Babbel forderten Kapitän Lothar Matthäus auf, über Franz Beckenbauer beim DFB Einfluss zu nehmen und Ribbeck ablösen zu lassen. Matthäus sollte als Spielertrainer die EM retten. Matthäus lehnte empört ab und machte den Vorfall erst nach der EM öffentlich. Die verlief so schlecht, dass Ribbeck sowieso zurücktrat.