02. April 2021 / 15:38 Uhr

Andrichs Jugendtrainer vor Berlin-Derby im SPORTBUZZER-Interview: "Er war schon immer ein Drecksack"

Andrichs Jugendtrainer vor Berlin-Derby im SPORTBUZZER-Interview: "Er war schon immer ein Drecksack"

David Joram
Märkische Allgemeine Zeitung
Sport Bilder des Tages Fussball, Herren, 1. Bundesliga, Saison 2020/21, 10. Spieltag, Hertha BSC - 1. FC Union Berlin, v. l. Robert Andrich 1. FC Union Berlin, Matheus Cunha Hertha BSC, 04.12. 2020, *** Football, men, 1 Bundesliga, season 2020 21, 10 matchday , Hertha BSC 1 FC Union Berlin, from Robert Andrich 1 FC Union Berlin , Matheus Cunha Hertha BSC , 04 12 2020, Copyright: xMatthiasxKochx
"Der Gattuso Brandenburgs": Im Hinspiel gegen Hertha BSC sah Unions Robert Andrich (l.) früh die Rote Karte, seine Elf unterlag Matheus Cunha und Co. im Olympiastadion 1:3. © Imago
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Zeljko Ristic arbeitete 13 Jahre lang als Jugendtrainer bei Hertha BSC und will am 26. Juni an die Spitze des Berliner Fußball-Verbands gewählt werden. Vor dem Hauptstadt-Derby spricht er über Straßenfußball, Herthas Probleme und seine Ex-Spieler Robert Andrich und Christopher Lenz, die nun für Union auflaufen. 

Fußballerisch groß geworden ist Zeljko Ristic – Großcousin des Ex-Unioners Sreto Ristic – beim SC Minerva 1893 in Moabit. 2000 wechselte er als Trainer zu Hertha und war bis 2013 im Kleinfeldbereich tätig. Inzwischen trainiert Ristic die Männer des Berliner SC (6. Liga) und ist Präsident des Kreuzberger Vereins Movement FC. Dort will er mit Geschäftsführerin Saskia Wichert Fußball und Kultur wieder stärker verknüpfen. Als Doppelspitze wollen Ristic/Wichert BFV-Präsident Schultz ablösen. Zur Wahl beim Verbandstag am 26. Juni steht außerdem noch die frühere Ran-Moderatorin Gaby Papenburg.

SPORTBUZZER: Herr Ristic, wie groß ist die Derby-Vorfreude?

Zeljko Ristic (47): Schon groß, weil ich ja Verbindungen zu beiden Seiten habe. Leider fehlt die Stimmung im Stadion, die war ja beim einzigen Duell in der Bundesliga mit Fans außergewöhnlich.

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In Bildern: So liefen die bisherigen Derbys zwischen Hertha BSC und Union Berlin.

Wir haben für euch die bisherigen Derbys zwischen Hertha BSC und Union Berlin zusammengefasst. Die Duelle der jeweiligen Vorgängervereine bis zur Gründung des 1. FC Union im Jahr 1966 werden jedoch außer Acht gelassen. Zur Galerie
Wir haben für euch die bisherigen Derbys zwischen Hertha BSC und Union Berlin zusammengefasst. Die Duelle der jeweiligen Vorgängervereine bis zur Gründung des 1. FC Union im Jahr 1966 werden jedoch außer Acht gelassen. ©

Schlägt Ihr Herz stärker für Union, weil dort Ihre Ex-Spieler Robert Andrich und Christopher Lenz auflaufen – oder eher für Hertha, wo Sie 13 Jahre lang Jugendtrainer waren?

Schwierige Frage. Bei Union habe ich eine emotionale Bindung zu den genannten Menschen, aber nicht zum Verein. Bei Hertha besteht eine emotionale Bindung zum Verein, ich leide mit. Das ist eine andere Form von Verbundenheit, weil ich da mehr Energie reingesteckt habe.

Tauschen Sie sich mit Andrich und Lenz noch regelmäßig aus?


Man schreibt sich schon manchmal. Manchmal beschimpfen sie mich auch auf Instagram, wenn ich was poste. (lacht) Das sind schon zwei tolle Jungs, so unterschiedlich wie sie auch sind.

Lenz wechselt bald nach Frankfurt – die richtige Entscheidung?

Chrissi habe ich ein paar Mal in letzter Zeit getroffen, er ist ein reifer, junger Mann geworden. Früher fand ich ihn ein bisschen hoppelig, ein bisschen brav, das hat er komplett abgelegt. Er hat einen guten Charakter und weiß genau, was er macht. Und in Frankfurt ist die Chance, dass er konstant europäisch spielt, viel höher als bei Union. Auch der Fußball, den die Eintracht spielt, sieht besser aus. Was die Fans dort bewegen, beeindruckt; der Präsident hat eine klare Haltung. Mittlerweile bin ich auch ein kleiner Eintracht-Fan. Ob Chrissi das dort packt, liegt natürlich an ihm.

Was glauben Sie?

Wenn man sich den Leidensweg anschaut, den er durchschritten hat – mit all seinen Verletzungen, Rückschlägen –, dann muss sagen: alle Achtung! Er ist immer drangeblieben, verhält sich wie ein Profi, wirklich toll!

Auch der Potsdamer Robert Andrich überzeugt, als aggressiver Anführer, als Mentalitätsspieler, der eklig sein kann. Hat er das bei Ihnen gelernt?

So war der schon immer, er war schon immer ein Drecksack – das können Sie so stehen lassen mit schönem Gruß.

Reformator: Zeljko Ristic will den Berliner Fußball-Verband modernisieren.
Reformator: Zeljko Ristic will den Berliner Fußball-Verband modernisieren. © David Joram

Woran machen Sie das fest?

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Dieses Nie-Verlieren-Wollen war schon immer super ausgeprägt. Er war ja erst Stürmer, bevor ich ihn zum Sechser umgeschult habe: Als Stürmer hat er aber auch nie gezuckt, wenn der Torwart rauskam. Im Gegenteil: Er wollte noch irgendwie den Ball haben, hat sich nie geschont. Nie. Im Training hab’ ich ihn manchmal hops genommen, weil ich ihn mit Absicht benachteiligt habe in Übungsspielen. Wir wollten so seine Wut kontrollieren – fast hat er es auch hinbekommen mit der Wutkontrolle (lacht). Aber im Ernst: Solche Jungs brauchst du einfach, bei ihm erkennt man auch, mit welcher Leidenschaft er Fußball spielt.

Bei Hertha hat er den finalen Sprung aber nicht geschafft. Warum ging dieses Talent dem Verein verloren?

Es sind ein paar Spieler flöten gegangen, aber das kann man vorher leider nicht immer beeinflussen. Manchmal gibt es in dem Moment ein anderes Kaliber auf der Position. Vielleicht hätte eine Leihe – wie es jetzt Trend ist – ihm damals geholfen. Vielleicht hat auch von beiden Seiten die Geduld gefehlt. Klar ist: Inzwischen zählt er zu den charakterstärksten Sechsern der Liga – der Gattuso aus Brandenburg...

...den Hertha in dieser Saison gut bauchen könnte. Warum liegt der Verein schon wieder so weit hinter seinen Zielen?

An Bruno Labbadia musste man ja festhalten, weil der die Mannschaft letztes Jahr schon vorm Abstieg gerettet hatte. Aber etwas Neues zu entwickeln, dauert, das ist ein Prozess. Wenn man dann schlecht startet, arbeitet man gleich im Negativbereich – was den Prozess, der ohnehin schwierig ist, noch mehr erschwert. Und von außen betrachtet hat die Konstellation Mannschaft/Trainer dann wohl doch nicht gepasst.

Jetzt passt es besser?

Ich glaube, Pal Dardai richtet seine Arbeit so aus, dass er Erfolg hat.   Dann kommt auch die Selbstsicherheit, dann spielt man auch offensiver, kann ein anderes Spiel entwickeln, wird freier.

Union etabliert sich gerade in der Bundesliga, Hertha will sowieso angreifen. Ist Berlin jetzt auf dem Weg zur Fußball-Hauptstadt?

Nee! Da muss man leider noch lange in den Süden der Republik schauen. Aber zumindest tun Berlin zwei Bundesligisten ganz gut.

Bekannt ist Berlin auch wegen der Boatengs und einer gewissen Straßenfußballer-Mentalität. Können die Käfige noch Spitzenklasse hervorbringen?

Wir hoffen, dass die Verbände und Vereine wieder stärker erkennen, dass ein Freiraum für Kinder und Jugendliche notwendig ist, um sich zu entfalten, sich selbst zu entwickeln. Wenn sich da was tut, könnten wieder solche Jungs heranreifen. Aber als Boateng und die ganze Gang gespielt hat, waren die sozialen Medien noch nicht da. Und die Schule war wichtig, aber nicht so wichtig. Man hat auch so eine Ausbildung bekommen. Jetzt müssen Fußballer zwei Sachen können: In der Schule gut sein und im Fußballverein. Früher gab es hin und wieder mal mehr Grauzonen, deshalb konnten auch einige fußballerisch explodieren.

Schließt ein verstärkter Fokus aufs Schulische also diejenigen aus, die nicht so schnell lernen?

Es ist weniger die Schule, sondern eher die Frage: Wie angepasst bist du? Dass man sich in einem System bewegen muss, das links und rechts kaum Freiräume gibt, halte ich für bestimmte Charaktere für schwierig. Wer zum Beispiel nicht auf einer Eliteschule Sport ist, schafft es kaum ganz nach oben.

Gibt es den klassischen Typ Straßenfußballer überhaupt noch?

Für mich ist Straßenfußball der Urknall des Fußballs. Wenn wir keine Straßenfußballer haben, kriegen wir keine Fußballer, entstehen keine kreativen Prozesse bei Kindern und Jugendlichen. Im Käfig werden Konflikte geregelt, Kids lernen, sich gegen Ältere durchzusetzen. Sie machen ihre eigenen Gesetze, bemalen die Plätze.

Sie fordern, Straßenfußball-Ligen im Verband einzuführen: Ist das dann noch echter Straßenfußball?

Es kommt auf das Wie an. Wenn das ein selbstorganisierter Ligabetrieb von Jugendlichen ist, dann ist das deren Ding und wir begleiten es von außen. Das Gefühl der Jugendlichen soll dominieren – und nicht die Stechuhr.

Wo sehen Sie noch Reformbedarf?

Ich glaube, unser Acht-Punkte-Plan ist ein guter Ansatz – was aber nicht heißt, dass wir jetzt alles können.

Der Plan umfasst Themen wie „Vereinsfußball modernisieren“, „Rettung des Straßenfußballs“ oder „Empowerment Frauenfußball“. Was steht an erster Stelle?

Ein wirklich wichtiger Punkt ist der Frauenfußball. Da müssen wir Teilhabe schaffen, eine andere Sichtbarkeit muss stattfinden – die Bedingungen sind bislang erschreckend.

Hertha kooperiert seit vergangener Saison mit Turbine. Ein Anfang?

Da muss viel mehr kommen, nicht nur von Hertha oder Union, auch von den Verbänden, von der Gesellschaft. Ressourcen müssen freigelegt werden, Zugänge für Frauen und Mädchen erleichtert: Wie trainieren wir junge Frauen und Mädchen? Welche Sprache verwenden wir? Es geht um Diversität. Wenn man bei Kindern schon Unterschiede macht zwischen Jungen und Mädchen, finde ich das schwierig.

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Also gemeinsame Teams bis zur A-Jugend?

Wenn eine junge Frau hochtalentiert ist, warum nicht? Es muss Pilotprojekte geben, man muss herausfinden, was Sinn ergibt und was nicht. Aber: Man muss es probieren.

Ihr Tipp fürs Derby?

Hertha gewinnt 3:1.