02. Juli 2020 / 09:16 Uhr

Relegation gegen Heidenheim: Warum sich Werder Bremen in der Favoriten-Rolle wohlfühlt

Relegation gegen Heidenheim: Warum sich Werder Bremen in der Favoriten-Rolle wohlfühlt

Frank Hellmann
RedaktionsNetzwerk Deutschland
 „Hier ist keiner, der Heidenheim unterschätzt, sagt Werder-Coach Florian Kohfeldt vor dem Relegations-Hinspiel am Donnerstag.
 „Hier ist keiner, der Heidenheim unterschätzt", sagt Werder-Coach Florian Kohfeldt vor dem Relegations-Hinspiel am Donnerstag. © 2020 Getty Images
Anzeige

In der Relegation gegen den 1. FC Heidenheim ist die Bremer Zuversicht groß, dass Werder den ersten Abstieg seit 40 Jahren noch vermeiden kann. Trainer Florian Kohfeldt sieht diese Chance als "Geschenk, nachdem wir schon so häufig weg waren".

Anzeige
Anzeige

Mitunter wundert sich Florian Kohfeldt selbst, wie schnell die Zeit vergeht. „Gestern vor einem Jahr war Trainingsauftakt“, sagte der Trainer des SV Werder Bremen. Die Erinnerung ist noch nicht verblasst. Die Bremer wollten vor ei­nem Jahr eigentlich wieder Kurs auf Europa nehmen. Als der Tross Mitte Juli im Trainingslager aufschlug, nagelten die Fans – noch ohne jegliche Abstandsregeln – ein entsprechendes Plakat ans Quartier. Kohfeldt fand das gut: Sollte doch jeder sehen, wo Werder hinwollte.

Ein Jahr später mahnt derselbe Fußballlehrer zur „absoluten Vorsicht“: vor den Relegationsspielen gegen den Zweitligisten 1. FC Heidenheim (Donnerstag und Montag je 20.30 Uhr, DAZN und Amazon Prime). Da der Gegner nicht Hamburger SV heißt, ist die Fallhöhe für Werder deutlich höher. Kohfeldt: „Wir stehen nach wie vor mit dem Rücken zur Wand. Es geht nur um diese beiden Spiele. Danach kannst du nichts mehr korrigieren.“

Mehr vom SPORTBUZZER

Sollte der nach Anzahl der Spielzeiten am längsten erstklassige Verein gegen einen Klub straucheln, der das provinzielle Ambiente der Zweitklassigkeit verkörpert, wäre die Blamage komplett. Kohfeldt gab zu verstehen, seine Spieler würden den Ernst der Lage nicht verkennen: „Hier ist keiner, der Heidenheim unterschätzt. Es darf nicht einen Hauch Spannungsabfall geben.“

Werder-Coach Kohfeldt sieht Relegation als "Geschenk"

Die psychologische Komponente könnte vielleicht sogar schwieriger werden als die sportliche. Plötzlich ist Werder wieder Favorit – eine Rolle, in der sich Kohfeldt grundsätzlich „wohlfühlt“. Der 37-Jährige wertet die Entscheidungsspiele daher lieber „als Geschenk, nachdem wir schon so häufig weg waren“. Die Ungleichheit drückt sich zum einen in den unterschiedlichen Strukturen und Budgets (siehe Kasten) aus. Zum anderen beschäftigt der Au­ßen­sei­ter von der schwäbischen Ostalb mehrere Profis, die nie den Durchbruch ins Bremer Bundesligateam schafften. Kohfeldt hat in der Jugend mal Marnon Busch als Co-Trainer betreut und hat mit Norman Theuerkauf zusammen trainiert, Oliver Hüsing ist sein guter Freund. „Ich bin überzeugt, dass er irgendwann in der Bundesliga spielt – aber noch nicht dieses Jahr.“

Der Absturz von Werder Bremen in Bildern

Unterschiedlicher könnte die Stimmung kaum sein: 2004 holte Werder Bremen noch unter Trainer Thomas Schaaf (Bild links) die Deutsche Meisterschaft. 16 Jahre später droht der ganz große Absturz. Die Bremer könnten in der Relegation nach der Saison 2019/20 zum zweiten Mal in der Vereinsgeschichte absteigen. Eine Chronologie des Absturzes. Zur Galerie
Unterschiedlicher könnte die Stimmung kaum sein: 2004 holte Werder Bremen noch unter Trainer Thomas Schaaf (Bild links) die Deutsche Meisterschaft. 16 Jahre später droht der ganz große Absturz. Die Bremer könnten in der Relegation nach der Saison 2019/20 zum zweiten Mal in der Vereinsgeschichte absteigen. Eine Chronologie des Absturzes. ©

Diese These wird durch das Zweitrundenduell im DFB-Pokal in dieser Saison gestützt. Die Aufzeichnung vom 4:1-Sieg hat sich Bremens Trainer in voller Länge angesehen, will daraus aber keine Schlüsse ziehen: „Jetzt reden wir über zwei Spiele.“ Auf Gedeih und Verderb stürmen, obwohl das beim 6:1 gegen den 1. FC Köln mit einem Dreiersturm mit Niclas Füllkrug, Yuya Osako und Milot Rashica so vortrefflich geklappt hat, komme nicht infrage.

Kohfeldt ließ sogar offen, ob Mittelstürmer Füllkrug wieder beginnt, der nach neunmonatiger Zwangspause nur eine Halbzeit durchhält. Der Hoffnungsträger hat schon zwei­mal eine Relegation (2014 mit Greuther Fürth, 2016 mit dem 1. FC Nürnberg) verloren, weshalb der Trainer mal scherzhaft anmerkte, eigentlich dürfe er ihn nicht in den Kader nehmen.

Kohfeldt spürt eine "besondere Anspannung"

Kohfeldt glaubt nicht, dass allein die fußballerische Qualität und erst recht nicht die „taktischen Elemente“ entscheiden, sondern „Mentalität, Intensität und Bereitschaft“. Dass die Zwangspause durch die Pandemie erst die Chance gegeben hat, einen bundesligatauglichen Fitnesslevel zu erreichen, ist unübersehbar. Diese unverhoffte Chance will Kohfeldt nutzen, der sich bei zwei Personen, deren Namen er nicht nennen wollte, nach dem besonderen Nervenkitzel von Relegationsspielen erkundigt hat. Als junger Trainer habe er damit noch keine Erfahrung, spüre aber bei sich eine „besondere Anspannung“. Denn: „Mehr als ‚All in‘ geht nicht.“ Vor einem Jahr hätte Kohfeldt vermutlich nicht im Traum daran gedacht, in solch eine Situation zu geraten – aber im Sommer 2019 haben die meisten bei Corona auch nur an eine mexikanische Biersorte gedacht.