17. April 2021 / 16:02 Uhr

"Ich habe keinen Panamera mehr": Kulttrainer Peter Neururer im Interview

"Ich habe keinen Panamera mehr": Kulttrainer Peter Neururer im Interview

Jonas Freier
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Peter Neururer war sowohl in Hannover als auch in Bochum zweimal Trainer. Vor dem Duell seiner Ex-Klubs spricht er im Interview.
Peter Neururer war sowohl in Hannover als auch in Bochum zweimal Trainer. Vor dem Duell seiner Ex-Klubs spricht er im Interview. © IMAGO
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Peter Neururer kennt sowohl Hannover 96 als auch den VfL Bochum bestens, hat beide Klubs je zweimal trainiert. Vor dem Duell der beiden Zweitligisten erklärt der Kulttrainer im großen SPORTBUZZER-Interview warum der VfL aufsteigt und 96 nicht. Außerdem verrät er, ob er sich noch mal einen Trainerjob in Hannover vorstellen könnte.

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Peter Neururer (65) war nicht nur zweimal 96-Trainer (1994/1995 und 2005/2006). Er trainierte auch zweimal den VfL Bochum (2001 bis 2005 und 2013/2014). In unserem Zweitligacheck vorm Saisonstart hatte Neururer Bochum als Geheimfavoriten genannt. 96 hatte er neben dem Hamburger SV als Aufsteiger getippt. Im Interview erklärt Neururer Bochums Erfolg und warum Hannover seine Erwartungen nicht erfüllt hat.

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Hallo, Herr Neururer. Am Sonntag empfängt der Tabellenerste Bochum den Tabellenelften Hannover. Dass der VfL da oben steht, ist für Sie keine Überraschung – aber dass 96 so weit unten steht schon. Was haben die einen besser gemacht als die anderen?

Der VfL Bochum hat einen Riesenvorteil gegenüber vielen anderen Mannschaften: Sie sind in der Struktur gewachsen. Sie haben mit Ilja Kaenzig einen Mann, den man ja auch Hannover noch kennt, mit überragender Fach- und Sachkenntnis gewonnen. Kaenzig war in der Lage, Seriosität und Kontinuität reinzubringen. In Verbindung mit dem Geschäftsführer Sebastian Schindzielorz, der viele Jahre Spieler beim VfL war. Dazu passt die Unaufgeregtheit eines Trainers Thomas Reis, der viel als Spieler und später als Jugend- und Cotrainer beim VfL Bochum gelernt hat. Auf den Punkt gebracht sind diese drei die Symbiose für den Erfolg.

"Ich beherrsche die Verbalerotik": Das sind die besten Sprüche von Peter Neururer!

Bei Hannover 96 folgte Peter Neururer im Jahr 2005 auf Ewald Lienen. Die ehrliche Haut ist im Ruhrgebiet geboren. Einst wurde er gefragt, wie er die Aufstellung macht: Ich werfe elf Trikots hoch. Wer eins fängt, darf spielen, antwortete er. Zur Galerie
Bei Hannover 96 folgte Peter Neururer im Jahr 2005 auf Ewald Lienen. Die ehrliche Haut ist im Ruhrgebiet geboren. Einst wurde er gefragt, wie er die Aufstellung macht: "Ich werfe elf Trikots hoch. Wer eins fängt, darf spielen", antwortete er. ©

Heißt das, die Leute von früher mit einer Vereins-DNA bringen den Erfolg?

Diese Geschichte bringt man ja nicht, wenn es schlecht gelaufen ist. In erster Linie zählt die Qualität – und die haben alle von mir Genannten.

Also ist es der falsche Ansatz, auf Teufel kommt raus in der sportlichen Führung mit irgendwelchen Vereinsikonen zu planen.

Wenn der einzige Ansatz ist, dass die Vergangenheit im Verein liegen muss, dann habe ich was falsch gemacht.

96 ist die vorletzte Saison mit den Europacup-Helden Mirko Slomka als Trainer und Jan Schlaudraff als Sportdirektor angegangen ...

Mit Mirko in die Saison zu gehen, um aufzusteigen, war mit Sicherheit richtig. Jan Schlaudraff mitzunehmen, war auch richtig – aber nicht federführend als Chef. Ich kann nicht als Lehrling in einen Meisterbetrieb kommen und den übernehmen. Mit ihm habe ich Tradition und Knowhow, wunderbar. Aber da hätte noch einer mit mehr Erfahrung vorgeschaltet sein müssen.

"Auf Martin Kind lasse ich nichts kommen"

Das Experiment wurde ja relativ schnell beendet. Aber auch unter dem Trainer Kenan Kocak und dem Sportdirektor Gerhard Zuber hat 96 nichts mit dem Aufstieg zu tun. Dabei hatte 96-Chef Martin Kind das doch verlangt.

Sie wissen genau, wie ich zu Martin Kind stehe. Auf den lasse ich nichts, aber auch gar nichts kommen. Ich halte den Mann für überragend. Einer der wenigen im Profifußball, der Verstand und Rückgrat hat. Aber: Für diese Mannschaft das Ziel auszugeben, aufzusteigen, war utopisch. Da hätte alles, wirklich alles funktionieren müssen.

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Spekuliert wird, dass in der neuen Saison wieder alles auf Anfang gestellt wird.

Genau das ist der Punkt: Hannover 96 ist nicht dazu da, um etwas zu probieren – 96 muss was können. Jetzt muss man entweder zu den Leuten stehen, die im Moment das Sagen haben – mit klarer Vorgabe. Aber die muss untermauert sein. Oder ich mache einen Strich drunter. Der Druck muss her, Hannover 96 kann nicht damit zufrieden sein, irgendwo im Zweitliga-Mittelmaß herumzudümpeln. Aber ich muss auch die Möglichkeiten haben. Es kann nicht sein, dass 96 jetzt Leistungsträger abgeben muss – und trotzdem das Ziel hat, im nächsten Jahr aufzusteigen. Wenn ich eine Mannschaft schwäche, die in diesem Jahr nicht ihre Ziel erreicht – was erwartet ich denn da in der nächsten Saison?

"Mit Jörg Schmadtke kann man nicht harmonieren"

Personell hat 96 in den vergangenen Jahren oft danebengelegen – auch auf dem Sportdirektor-Posten. Jörg Schmadtke war da die rühmliche Ausnahme, mit ihm ging es bis nach Europa. Obwohl er und Trainer Slomka zum Schluss ja alles andere als harmoniert haben.

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Mit Jörg Schmadtke kann man nicht harmonieren, das meine ich jetzt nicht negativ, um Gottes willen. Man kann mit Jörg Schmadtke zusammenarbeiten, aber harmonieren ist schwer.

"Ich fahre keinen Panamera mehr"

Immer, wenn 96 in der Krise ist, machen sich Leute im Internet einen Spaß und behaupten, Ihren Panamera vorm Courtyard-Hotel gesehen zu haben ...

Ich fahre keinen Panamera mehr ...

... sondern einen Carrera.

Nein, damit ist meistens meine Frau unterwegs. Ich mache Werbung für ein anderes Auto. Aber ich bin regelmäßig in Hannover bei meinem Freund Michael Krüger. Man wird mich dort also nicht mehr an meinem Auto erkennen.

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Ralf Rangnick: 91 Spiele (40-22-29) - 142 Punkte (im Schnitt 1,56). ©

Wenn wir noch mal die 2. Liga durchgehen. Steigt Bochum auf?

Ja. Sie sind jetzt trotz ihrer Niederlagen stabil. Sie werden wieder durchstarten. Eigentlich habe ich in den letzten Monaten auch ganz fest mit Kiel als Aufsteiger gerechnet, aber was da jetzt mit dem Scheißthema Corona läuft – das ist Wettbewerbsverzerrung ohne Ende zu Lasten von Kiel. Also gehe ich davon aus, dass der HSV es schaffen wird, obwohl er traditionell wieder wackelt. Greuther Fürth kommt möglicherweise in die Relegation. Wo 96 landet, ist leider egal. Jedenfalls landen sie nicht dort, wo ich sie hingehofft hatte.

Wenn Sie noch mal die Chance hätten, in Hannover Trainer zu werden – würden Sie es machen?

Trainer nicht, nein. Das ist abgeschlossen. Mit einigen Dingen komme ich nicht klar und möchte ich auch nicht klarkommen. Aber in anderer Funktion gerne – das weiß Martin Kind aber auch. Weil Hannover alle Voraussetzungen mitbringt, erfolgreich zu sein.

Trainer wollen Sie allgemein nicht mehr sein ...

Ich habe mich genug gerechtfertigt in meinem Leben. Aber ich bin imstande, jedem Trainer zu helfen.