21. Juni 2021 / 13:04 Uhr

Personalisierte Tickets für Risikospiele: "Sämtliche Fußballfans unter Generalverdacht gestellt"

Personalisierte Tickets für Risikospiele: "Sämtliche Fußballfans unter Generalverdacht gestellt"

Britt Schlehahn
Leipziger Volkszeitung
Sachsens Innenminister wünscht sich personalisierte Tickets.
Sachsens Innenminister wünscht sich personalisierte Tickets. © Imago/Robert Michael
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Die Innenministerkonferenz hat personalisierte Tickets für Fußballspiele wieder auf die Agenda gesetzt. Vorgeschlagen hatte das Sachsens zuständiger Minister Roland Wöller. Faninitiativen und auch Parteien haben wenig Verständnis.

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Leipzig. Vor reichlich einer Woche sicherte sich Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU) bundesweite Aufmerksamkeit. Der Grund: Er kündigte an, dass bei Fußballspielen künftig nur noch personalisierte Tickets zur Verfügung stehen sollen. Einen entsprechenden Antrag wolle er bei der Innenministerkonferenz (IMK) stellen.

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Derzeit sind Eintrittskarten für Kicks und Veranstaltungen aller Art generell personalisiert, um wegen der Corona-Pandemie die Kontaktnachverfolgung sichern zu können. Der Minister möchte diese Praxis nun am liebsten beibehalten, um die Gewalt beim Fußball einzuschränken. Anlass für Wöller um einen neuen Vorstoß beim Thema zu wagen, waren die Ausschreitungen der Anhänger der SG Dynamo Dresden am 16. Mai. Dass allerdings außerhalb des Stadions stattfanden und personalisierte Tickets daran wohl wenig geändert hätten, thematisiert der Politiker allerdings nicht.

"Umfassende Datenerhebung unverhältnismäßig"

Unmittelbar im Anschluss wurden viele Stimmen laut, die diese verschärfte Überwachung von Fußballfans als Augenwischerei abtun. "Regeln der Pandemiebekämpfung, die dann extra für Fußballfans fortbestehen, darf es nicht geben", erklärt Danny Graupner vom Dachverband Fanhilfen. "Sollten alle Grundrechtseinschränkungen aufgehoben werden, sobald die Pandemie keine grundlegende Gefahr mehr für die Bevölkerung darstellt, muss dies selbstverständlich auch für den Stadionbesuch gelten", so Graupner weiter. "Populistisch" sei die Forderung von Wöller, da die Sicherheitslage nicht von personalisierten Tickets abhängt, erklärt der Dachverband. Vielmehr passt sie in die Strategie möglichst viele Daten zu sammeln, um dann die Datenbanken wie die in der Geisterspielsaison stark angestiegene Datei "Gewalttäter Sport" zu füttern.

Ines Kummer, sportpolitische Sprecherin der sächsischen Fraktion von Bündnis 90/ Die Grünen, kritisierte Wöllers Vorschlag vor der IMK am vergangenen Freitag, denn "mit der Datenerhebung wird das Bild vom Fußballfan als Sicherheitsrisiko zementiert." Kummer gab zu bedenken, dass "unter Berücksichtigung der Tatsache, dass nur 0,07 Prozent aller Stadionbesucherinnen und Stadionbesucher gewaltaffin sind, ist aus meiner Sicht eine umfassende Datenerhebung unverhältnismäßig." So wird nicht nur das Fandasein unter einen Anfangsverdacht gestellt.

Anstelle einer offensichtlich präferierten allumfassenden Datensammlung betonte die sportpolitische Sprecherin: "Um Gewalt vor oder im Stadion zu verhindern, braucht es Vereine, die sich deutlich gegen Gewalt positionieren." Desweiteren betonte sie die bereits praktizierten Spieltagsvorbereitungen zwischen Vereinen, Stadt, Polizei und Fanprojekten. Wöllers Bezug auf die Ausschreitungen am 16. Mai "belegt" so Kummer insbesondere "die Absurdität der Debatte. Krawalle vor dem Stadion wird man kaum mit personalisierten Tickets im Stadion unterbinden können."

Beschränkung auf "Risikospiele"

 Auf diese Diskrepanz bezieht sich auch die sportpolitische Sprecherin der Linken im sächsischen Landtag, Marika Tändler-Walenta. Sie beschreibt den Vorschlag als "Scheinlösung". "Wöller will wieder einmal den starken Mann markieren. Damit kann er aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass er als Minister eine Fehlbesetzung und entlassungsreif ist." Mit Blick auf die "verabscheuungswürdigen Randale beim Dynamo-Spiel gegen Türkgücü München" sieht Tändler-Walenta nur, dass der Minister daraus "politisches Kapital schlagen" will. Denn personalisierte Tickets werden mögliche Auseinandersetzungen außerhalb des Stadions nicht unterdrücken. "Allerdings werden sämtliche Fußballfans unter Generalverdacht gestellt."

Die Innenministerkonferenz sah am Freitag indes die Argumentation Wöllers als stichhaltig an, sehr zur Freude des sächsischen Ministers. So sehen die Innenminister "ungeachtet der bereits bestehenden Maßnahmen wie Prävention und Fanarbeit" weiteren Handlungsbedarf, hieß es in der im Anschluss verbreiteten Pressemitteilung aus sächsischem Hause. "Ich freue mich, dass die Innenminister künftig mit personalisierten Tickets bei Risikospielen weiterkommen wollen. Dies ist notwendig, um dann bundesweit wirksam Stadionverbote durch die Vereine durchzusetzen."

Wöllers Vorschlag wurde allerdings von Fußballspielen im Allgemeinen auf "Risikospiele" beschränkt. Zudem soll die Auswertung der personalisierten Tickets der EM-Spiele abgewartet und dann mit der Deutschen Fußball-Liga und dem Deutschen Fußball-Bund gesprochen werden. Ein Ende der Debatte um die Gefahr von Fußballfans ist damit noch nicht absehbar.