19. September 2020 / 08:00 Uhr

Nagelsmann verrät exklusiv: Timo Werner verteilte zum Leipzig-Abschied Geschenke

Nagelsmann verrät exklusiv: Timo Werner verteilte zum Leipzig-Abschied Geschenke

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Julian Nagelsmann spricht im SPORTBUZZER-Interview unter anderem über den Abgang von Timo Werner und den möglichen Neuzugang Alexander Sörloth.
Julian Nagelsmann spricht im SPORTBUZZER-Interview unter anderem über den Abgang von Timo Werner und den möglichen Neuzugang Alexander Sörloth. © imago images/Picture Point LE
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Also doch! RB Leipzigs Coach Julian Nagelsmann hat Mehmet Scholls Sofa erschossen. Im exklusiven SPORTBUZZER-Interview spricht der 33-Jährige unter anderem über norwegische Waldkatzen, die Bewertung seiner Spieler, ein Geschenk von Timo Werner und verrät, wie man am Sonntag Mainz 05 schlägt.  

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Leipzig. Stellen Sie sich, liebe NutzerInnen, für einen kurzen Moment vor, dass Sie Trainer sind und Julian Nagelsmann heißen. Sie haben 2016 mit zarten 28 Jahren das Bundesliga-Kellerkind 1899 Hoffenheim übernommen, ihm neues Leben eingehaucht und zweimal in die Champions League geführt. Bayern München wollte Sie, der BVB, Real Madrid. 2019 haben Sie "Ja" gesagt zu RB Leipzig und dem Klub das Halbfinale der Königsklasse geschenkt. Wie fühlt sich das an, so jung, so erfolgreich, so begehrt zu sein? Wir haben zum sonntäglichen Bundesliga-Start gegen Mainz 05 (15.30 Uhr, Red-Bull-Arena) bei RB-Cheftrainer Nagelsmann nachgefragt und festgestellt, dass der Mann, 33, tierlieb ist, Mehmet Scholls Sofa mit Pfeil und Bogen gemeuchelt hat und - einstweilen - nicht übers Wasser gehen kann.

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SPORTBUZZER: Nach dem Erreichen des Champions-League-Halbfinals gab es einen medialen Wettlauf um Superlative. Wie gefällt Ihnen „Nagelsmann ist Gegenwart und Zukunft“?

Julian Nagelsmann (33): Es gibt schlimmere Beschreibungen. Aber falls es Ihnen entgangen ist: Wir sind gegen Paris ausgeschieden und eben nicht zufrieden und fidel in den Flieger zurück nach Leipzig gestiegen. Es gab und gibt also keinen Anlass, die Bodenhaftung zu verlieren. Weder für mich noch für meine Jungs. Wir spielen jetzt bis zum Winter fast alle drei Tage. Da bleibt eh keine Zeit, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, Herr Schäfer (lacht).

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Bleiben wir kurz beim Lissabonner K.o-Turnier. Beim 2:1 gegen Atletico Madrid habt Ihr es ...

 ... außergewöhnlich gut gemacht.

Weshalb haben Sie gegen Paris nicht ähnlich früh und mutig stören lassen? Ist man hinterher immer schlauer?

Wir haben uns über die Herangehensweise vor dem Spiel sehr viele Gedanken gemacht. Es war in jedem Fall eine Gratwanderung. Wenn du hoch presst und drauf gehst, besteht die Gefahr, dass ein 36er wie Mbappé ...

36 km/h schnell ...

 ...bei einem Gegenangriff viel Platz vor sich hat und mit seiner Schnelligkeit und Technik kaum noch zu verteidigen ist. Also haben wir die Pressinglinie nach hinten verschoben. Man kann auch etwas tiefer offensiv verteidigen. Wir haben in den ersten zehn Minuten nix zugelassen, wollten mit unserer Taktik hinter die letzte Verteidigungslinie der Pariser kommen, hatten ein, zwei interessante Konter. Dann kam der Standard zum 0:1 und unser Fast-Eigentor zum 0:2. Danach waren wir zu passiv, war die Überzeugung nicht mehr so da, waren wir unsicher im Passspiel. Paris hat verdient gewonnen.

Ihr Pariser Outfit wurde heiß diskutiert. Haben Sie wirklich Mehmet Scholls Sofa erschossen? Und wenn ja, womit?

Mit Pfeil und Bogen (lacht). Im Ernst: Mode ist extreme Geschmackssache. Ich werde als Trainer bezahlt und nicht fürs über den Laufsteg in Mailand laufen. Ich ziehe an, was mir gefällt, muss mich dabei wohlfühlen.

Julian Nagelsmann: "Wir wollen wieder in die Champions League"

Sky-Experte Didi Hamann sieht eine komplizierte Saison und einen schnöden fünften Platz in der Europa League auf RB zukommen.

Ich habe das auch gelesen. Wir wollen wieder in die Champions League, müssen also mindestens einen Platz besser als von Didi Hamann prognostiziert ins Ziel kommen. Und das ist und bleibt für uns anspruchsvoll. Am Ende waren es diesmal drei Punkte, die den Ausschlag gegeben haben. Es wird wieder eng zugehen.

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Auch andere Mütter haben schöne Töchter.

Wir wissen wie stark beispielsweise Leverkusen und Gladbach sind. Und über die Bayern und Dortmund ist alles gesagt.

Nur noch nicht von jedem, Herr Nagelsmann.

Die beiden machen im Normalfall den Titel unter sich aus. Aber wenn es nicht normal läuft, wollen wir zumindest bei der Musik sein. So wird man auch in Gladbach und Leverkusen denken.

Sie haben aus Timo Werner den mitspielenden Stürmer gemacht und ihn auf die nächste Stufe gehievt. Gibt es noch Kontakt?

Ja, ich habe ihm zu seinem guten ersten Spiel für Chelsea gratuliert. Timo ist ein außergewöhnlicher Spieler und Mensch, er hat allen engeren Mitarbeitern ein Abschiedsgeschenk zukommen lassen. Jetzt können Sie sagen, der hat ja genug Geld, aber er muss es ja trotzdem nicht machen.

Hat er Ihnen eine aufblasbare Taktiktafel geschenkt?

Nein, einen schwarz-roten Motorradhelm von Bell mit Widmung. Schickes Teil.

Gibt es Fragen, die Sie nerven, weil Sie schon zig-fach gestellt wurden.

Ja.

Sind Sie tierlieb?

Ja, sehr.

Ich spiele mit dem Gedanken, mir eine norwegische Waldkatze zuzulegen. Die ist groß, stark und durchsetzungsfähig und war zuletzt ausgeliehen. Könnten Sie mir bei der Namensfindung behilflich sein?

Wir wär´s mit Alexander, der Große?

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Sie haben damit angefangen. Wie intensiv ist Ihr Kontakt zu Alexander Sörloth, haben Sie mit ihm gesprochen?

Unabhängig von Alexander Sörloth wollen Spieler vor einem Wechsel den Cheftrainer kennenlernen, ihm in die Augen schauen, seine Stimme hören und wissen, wie er tickt, was er vor hat. Das geht mir andersrum genauso. Bei Alexander ist es kein Geheimnis, dass wir an ihm interessiert sind und er auch zu uns will. Ich würde mich freuen, wenn es klappt, aber es gibt auch noch andere interessante Spieler.

Jürgen Klopp kann nicht mehr ins Kino, Essen oder Einkaufen gehen. Wie sehr schränkt Ihr Promistatus Ihr Leben ein? Man sichtet Sie immer mal wieder im Weinstock oder in der Osteria.

Bei Jürgen ist es natürlich sehr speziell, er ist Welttrainer und trainiert den Weltverein FC Liverpool. Früher konnte er, glaube ich, weitgehend unbehelligt in den USA Urlaub machen, das geht jetzt auch nicht mehr. Das ist die Kehrseite des Erfolges und der Prominenz. Bei mir hält sich das Ganze noch in Grenzen. Die Leute sind lieb und freundlich, und grundsätzlich mag ich den Kontakt zu anderen Menschen. Wenn die Familie dabei ist, ist es etwas anstrengender. Mein Bub versteht nicht, weshalb die Leute Fotos mit mir machen. Und man muss auch mal nein sagen, ist nicht 24 Stunden am Tag Trainer, sondern auch Ehemann, Papa oder Freund. Es ist aber, wie gesagt, insgesamt ein schönes Gefühl.

Gab es keine einzige unschöne Begegnung?

Doch, mit einem Fan des VfB Stuttgart als ich Trainer in Hoffenheim war. Schnee von vorgestern.

Kein Spieler der Welt kann sich ins Team reden. Bei Dani Olmo hat es in der Vorsaison offenbar doch funktioniert.

Es hat schon auch mit Selbstvertrauen zu tun, wenn der Spieler zum Trainer kommt und fragt, weshalb er wenig oder nicht spielt. Und wenn der Spieler dann seine Chance bekommt, muss er liefern. Dani hat das getan. Aber es war nicht so, dass er seinen Einsatz gefordert und sofort bekommen hat. Ich mag den Austausch, mag es, wenn die Spieler Dinge hinterfragen, sich mit ihrem Beruf beschäftigen.

Trainer müssen auch unangenehme Wahrheiten aussprechen. Fällt Ihnen das schwer?

Es ist nie schön, wenn man einem Spieler sagen muss, dass er nicht spielt oder nicht im Kader steht. Erschwerend hinzu kommt in Leipzig, dass meine Spieler unglaublich sympathisch und sehr freundlich sind.

Fußballer zerfleddern die Tageszeitung, reißen den Sportteil an sich und gucken nach ihren Noten. Wie hat man sich die Nagelsmannsche Zeitungslektüre vorzustellen?

Ich werde informiert, wenn etwas Wichtiges über meine Mannschaft oder mich in den Medien steht. Und wir bekommen bei RB täglich einen Pressespiegel. Den lese ich je nach Zeit und Anlass mal intensiv mal weniger intensiv. Die Noten interessieren mich übrigens auch. Mich interessiert, wie man etwas bewerten kann, obwohl man gar nicht weiß, was der Spieler XY für einen Auftrag hatte. Und ich rede jetzt nicht vom Stürmer, der drei Tore gemacht hat und eine Eins bekommt.

Gibt es Journalisten, die bei Ihnen auf dem Index stehen?

Nein, so schlimm war es noch nie. Und grundsätzlich bin auch offen für fundierte Kritik. Aber ich habe den einen oder anderen Berichterstatter schon mal gefragt, ob es sein muss, dass man einen 19-Jährigen, der eine große Chance ausgelassen hat, als Versager bezeichnen muss. Und ob es sein muss, von einer beschämenden Leistung zu sprechen. Ich frage dann, ob Worte verletzend sein müssen oder man das auch anders lösen kann.

Sie propagieren den „Fußball total“. Ist das eine Mischung aus dem Ballbesitz-Guardiola und dem Ball-Jagd-Rangnick?

Wenn Sie wollen, können Sie das so oder so ähnlich beschreiben. Wir haben einen ganzheitlichen Ansatz, wollen mit und ohne Ball gute Lösungen, Tempo, Überzeugung, Kontrolle. Klingt einfach, ist es aber nicht.

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(1) Peter Gulacsi: 11 Millionen Euro (+ 1,5 Millionen Euro). Zur Galerie
(1) Peter Gulacsi: 11 Millionen Euro (+ 1,5 Millionen Euro). ©

Kommen wir zum Saisonstart gegen Mainz. Die Nullfünfer werden anders auftreten als beim 0:8 in Leipzig und dem 0:5 in Mainz, haben in der Vorsaison unter anderem in Dortmund und Frankfurt gewonnen. Ängstigt Sie das?

Nein, tut es nicht, das erwarten wir auch. Keiner von uns glaubt, dass das ein Selbstläufer wird und nur die Höhe des Sieges diskutabel ist. Meine Jungs sind im Training unglaublich griffig und spritzig. Ich habe ein sehr gutes Gefühl für den Saisonstart.

Der, siehe das 4:0 bei Union Berlin im Vorjahr, die ersten Wochen positiv beeinflussen kann.

Sie sagen es.

Sie haben sich selbst eine Inselbegabung fürs Thema Fußball bescheinigt. Wie geübt ist Ihr Blick über den Tellerrand ihres Business?

Dass es Wichtigeres als Fußball gibt, ist mir bewusst. Ich laufe nicht mit Scheuklappen durch die Welt, bilde mir zu vielen Dingen und Entwicklungen meine Meinung, muss die aber nicht der Welt mitteilen.