29. März 2022 / 18:31 Uhr

Nach Flucht und Gefahr: Heute hilft Emam Tallaa Tischtennis-Talenten 

Nach Flucht und Gefahr: Heute hilft Emam Tallaa Tischtennis-Talenten 

Andreas Vogel
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Eine bewegende Geschichte: Emam Tallaa flüchtete mit 17 Jahren aus seiner zerbombten Heimatstadt in Syrien, heute spielt er in Wilsche Tischtennis  trainiert als FSJler Gifhorns Nachwuchs und hilft dem TTC bei der Organisation von Wettbewerben und Meisterschaften. 
Eine bewegende Geschichte: Emam Tallaa flüchtete mit 17 Jahren aus seiner zerbombten Heimatstadt in Syrien, heute spielt er in Wilsche Tischtennis trainiert als FSJler Gifhorns Nachwuchs und hilft dem TTC bei der Organisation von Wettbewerben und Meisterschaften.  © Privat (3)/dpa
Anzeige

Emam Tallaa flüchtete vor knapp sechseinhalb Jahren aus Syrien nach Deutschland. Der Weg aus dem Krieg bis in den Landkreis Gifhorn war weit und gefährlich. Heute kümmert sich der 23-Jährige um Gifhorns Tischtennis-Talente. Im SPORTBUZZER erzählt er seine Geschichte.

Der Weg war weit, die Flucht gefährlich. Lebensgefährlich. Doch wenn man Emam Tallaa heute für den VfR Wilsche/Neubokel an der Platte stehen sieht, oder verfolgt wie er sich im Rahmen seines freiwilligen sozialen Jahres (FSJ) um den Nachwuchs beim TTC Gifhorn und die Tischtennis-AG an der IGS in Gifhorn kümmert, ahnt man nicht, was dieser 23-Jährige schon in jungen Jahren erleben musste. Er kann verstehen, wie sich heute die Ukrainer gerade fühlen. Tallaa kennt den Krieg.

Anzeige

Per Bus in den Libanon

Die Heimat seiner Familie ist die Millionenmetropole Daraa, südlich der syrischen Hauptstadt Damaskus. Diese Stadt gilt als eine derjenigen, in der sich 2011 Proteste gegen die Gewaltherrschaft ihres Machthabers Baschar al-Assad formierten. Doch der Präsident von Syrien ging gewaltsam gegen seine eigene Bevölkerung vor und ließ die Stadt bombardieren. Im Oktober 2015 floh der damals 17-Jährige mit seinem Vater und dem jüngeren Bruder zunächst per Bus ins Nachbarland Libanon. „Mein Vater war Lehrer, er hatte mit dem Widerstand gegen Assad gar nichts zu tun. Wir wollten aber unbedingt raus aus dem Bombenhagel.

Mehr heimischer Sport

Über die Türkei, Griechenland, Makedonien und Serbien gelang den Dreien schließlich die Flucht bis nach Deutschland. Nach fürchterlichen Erlebnissen. Bei der stundenlangen Überfahrt von der Türkei auf eine griechische Insel war das Schlauchboot mit 55 Personen völlig überladen. „Wir hatten schon reichlich Wasser im Boot und drohten unterzugehen“, berichtet Tallaa. Doch die Reise nahm zum Glück ein gutes Ende, in Deutschland offiziell als Asylanten anerkannt, durften seine Mutter und Schwester schließlich später nachkommen.

Die erste Anlaufstation war Müden, eine freundliche Familie nahm die drei Flüchtlinge auf. Der junge Emam startete dann in der neunten Klasse auf dem Gymnasium in Meinersen. Dabei sprach er„kein Wort Deutsch“. Keine Deutsch- nur geringe Englisch-Kenntnisse – der Anfang war hart für ihn. Doch schnell stellten sich Erfolge ein: Am Ende der Schullaufbahn standen ein Fachabitur im Bereich Gesundheit und Soziales sowie fast akzentfreies Deutsch.

Anzeige

Doch nicht nur die Schule half bei der Integration, sondern auch Tischtennis. Ein Cousin spielte früher sogar in der syrischen Nationalmannschaft, Tallaa selbst begann mit neun Jahren, wurde vom Onkel trainiert, spielte im Verein.

Heute spielt er für Wilsche

Heute ist er im Punktspieleinsatz für den VfR Wilsche/Neubokel. Im oberen Paarkreuz der Kreisliga verbuchte der 23-Jährige bis zum Saisonabbruch im Dezember eine respektable 8:2-Einzelbilanz. Im August des vergangenen Jahres trat er eine FSJ-Stelle an der IGS und beim TTC in Gifhorn an, da dies auch als Praktikum zur Anerkennung seines Fachabiturs zählt.

Beim TTC leitet Tallaa, der mittlerweile die C-Trainer-Lizenz besitzt, nun zweimal wöchentlich das Jugendtraining und steht auf Wunsch auch für Extra-Einheiten zur Verfügung. Hilfreich ist er auch bei der Durchführung von Turnieren und Ranglisten. 20 Stunden arbeitet Tallaa pro Woche für den TTC, die anderen 20 Stunden ist er für die IGS im Einsatz. In der Schule ist Tallaa dank seiner sympathischen Art beliebt, gestaltet die Mittagsfreizeit, unterstützt beim Sportunterricht und leitet die Tischtennis-AG für die 5. und 6. Klassen.

Studium geplant

Nach Abschluss seiner FSJ-Stelle im August würde er gerne ein Informatik-Studium aufnehmen – und seinem Sport weiter treu bleiben. TTC-Pressewart Andreas Brathuhn: „Wir würden uns sehr freuen, wenn Emams empathische Fähigkeiten im Umgang mit jungen Menschen dem Tischtennis-Sport erhalten bleiben.“

Die Entscheidung von Tallaas Vater, 2015 nach Deutschland zu fliehen, war damals sicher eine sehr schwere. Heute bilanziert der 23-Jährige: „15 Millionen Syrer sind seit 2011 auf der Flucht. Der Krieg in Syrien ist dort genauso so schlimm wie derzeit in der Ukraine und es leiden in diesen Kriegen immer am meisten die Menschen. Meine Familie und ich haben bei allem das nötige Glück gehabt.“

[Anzeige] Alle Spiele der Fußball WM live und exklusiv in der Konferenz bei MagentaTV. Mit dem Tarif MagentaTV Flex für nur 10€ pro Monat, monatlich kündbar.