30. Oktober 2020 / 10:21 Uhr

Labbadia vorm Wiedersehen mit dem VfL: „Sind noch ein ganzes Stück entfernt von Wolfsburg“

Labbadia vorm Wiedersehen mit dem VfL: „Sind noch ein ganzes Stück entfernt von Wolfsburg“

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Bruno Labbadia trifft am Sonntag mit der Hertha auf seinen Ex-Klub VfL Wolfsburg
Bruno Labbadia trifft am Sonntag mit der Hertha auf seinen Ex-Klub VfL Wolfsburg © dpa
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Am Sonntagabend (18 Uhr) trifft Bruno Labbadia erstmals auf seinen Ex-Verein VfL Wolfsburg. Seit April ist der Ex-Profi Coach bei Hertha BSC, aber so richtig rund läuft es beim Hauptstadt-Klub in dieser Bundesliga-Saison noch nicht...

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Am 20. Februar 2018 hatte der Wolfsburger Bundesligist Bruno Labbadia als Trainer geholt, er rettete den VfL in der Relegation gegen Holstein Kiel vor dem Abstieg und schaffte mit ihm ein Jahr später den Einzug in die Europa League. Dennoch verlängerte der Ex-Profi seinen Vertrag in Wolfsburg nicht. Auch, weil die Chemie zwischen ihm und VfL-Manager Jörg Schmadtke nicht stimmte. Am Sonntagabend (18 Uhr), wenn die Wolfsburger bei Hertha BSC ran müssen, gibt es das Wiedersehen mit Labbadia, der seit April Trainer des Hauptstadt-Klubs ist. Warum läuft es bei der Hertha noch nicht rund? Was sind die Berliner Ziele? Und was sagt er vorm Wiedersehen über den VfL? Das erzählt Labbadia im SPORTBUZZER-Interview.

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SPORTBUZZER: Herr Labbadia, wie gefällt Ihnen der Slogan „Big City Club“?
Diesen Slogan haben ja andere geprägt, nicht die Verantwortlichen des Vereins. Prinzipiell habe ich nichts dagegen, wir sind ja grundsätzlich der Hauptstadt-Klub. Aber mit Worten allein ist noch keiner weitergekommen. Wir müssen intensiv arbeiten, so wie wir es in Wolfsburg gemacht haben - da haben wir auch weniger gesprochen und mehr getan.

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Muss der Hauptstadt-Klub den Anspruch haben, ein Spitzenklub zu sein?
Mittelfristig wollen wir mit Vereinen wie Wolfsburg, Hoffenheim oder auch Leverkusen mithalten und eine Chance aufs internationale Geschäft haben. Das ist der Anspruch des Vereins und auch mein Ziel, aber dafür müssen wir noch einiges aufholen. Wir hoffen natürlich, dass wir das möglichst schnell aufholen können – dafür müssen wir aber hart arbeiten, kluge Entscheidungen treffen, müssen Spieler dazubekommen, die uns weiterbringen - und die Spieler, die hier sind, weiterentwickeln. Das sind eine Menge Punkte, an denen wir seit einigen Monaten arbeiten. Man kann nicht innerhalb eines halben Jahres alles verändern.

Was ist denn der Ist-Zustand der Hertha aus Ihrer Sicht?
Zum ersten Mal hat der Klub Dank des Investors Gelder zur Verfügung, die acht, neun oder zehn andere Mannschaften seit Jahren haben. Im Gehaltsgefüge sind wir auf Platz zehn in der Liga - trotz der Investitionen, die wir jetzt getätigt haben. Und wir haben in der vergangenen Transferphase auch gemerkt, dass wir ganz oft an Gehältern gescheitert sind, die andere Vereine in der Liga schon zahlen. Das ordnet die Dinge ja schon ein. Und: Nimmt man die Transferausgaben seit dem Wiederaufstieg 2013 zusammen, liegt Hertha auf Platz neun der Liga. Wir sind jetzt erst am Anfang - und dann kam im Sommer die Pandemie. Das hat dann dafür gesorgt, dass wir nicht so investiert haben wie vielleicht alle dachten. Die Außenwahrnehmung war da anders als das, was wir hier gemacht haben.

"Wir haben nicht genug Punkte geholt"

Welchen Druck spüren Sie da als Trainer – nach drei Punkten aus den ersten fünf Spielen?
Den normalen Druck, den man immer in der Bundesliga hat. Richtigen Druck hast du, wenn es um die Existenz eines Vereins geht. Wir haben jetzt fünf Spiele in der Liga gespielt, davon waren dreieinhalb sehr gut. Schlecht waren das Spiel gegen Stuttgart und eine Halbzeit gegen Frankfurt. Wir haben nicht genug Punkte geholt, das muss man klar sagen. Aber wir sind in einer Umbruchphase, das muss man wissen.

Inwiefern?
Wir haben 14 Abgänge gehabt und haben acht Spieler geholt, das ist natürlich eine Menge. Wir mussten im Sommer quasi wieder neu anfangen, auch wenn wir dachten, dass wir vielleicht schon einen Schritt weiter wären. Als wir zu Beginn der Corona-Zeit die Mannschaft übernommen hatten, haben wir viel an den Abläufen gearbeitet und vieles hat schnell funktioniert. Durch die Fluktuation im Sommer haben wir dann eigentlich wieder von Neuem angefangen. Und durch die Länderspielpause hat uns dann die Endphase der Vorbereitung gefehlt - das merken wir jetzt.

Aus der Ferne betrachtet, wirkt es oft so, als würden bei der Hertha Anspruch und Wirklichkeit ganz besonders oft auseinanderklaffen.
Die Erwartungshaltung kommt eher von außen als von innen. Intern wissen wir schon ganz genau, welchen Weg wir gehen müssen. Und da sind wir noch ein ganzes Stück weit entfernt von einem Verein wie beispielsweise Wolfsburg.

In Bildern: 15 Fakten über den Hertha-Coach Bruno Labbadia.

<b>Fakt 1:</b> Bruno Labbadia ist in einer echten Großfamilie aufgewachsen. Der Jüngste der Familie hat vier Brüder und vier Schwestern. Seine Eltern sind zehn Jahre vor seiner Geburt als italienische Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Zur Galerie
Fakt 1: Bruno Labbadia ist in einer echten Großfamilie aufgewachsen. Der Jüngste der Familie hat vier Brüder und vier Schwestern. Seine Eltern sind zehn Jahre vor seiner Geburt als italienische Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. ©

Wie sehen Sie Ihren Ex-Klub denn jetzt vor dem Wiedersehen?
Ich denke an eine schöne Zeit zurück und freue mich, dass ich die Jungs mal wieder sehe. Es ist eine total angenehme Erinnerung.

Dass Sie das in der Rückschau so sehen, war am Anfang Ihrer Wolfsburg-Zeit nicht unbedingt zu erwarten…
Ja, ich habe ja nie ein Hehl daraus gemacht, dass die ersten vier Monate dort zu den schwierigsten Phasen meiner Trainerkarriere gehörten. Umso schöner war es dann im folgenden Jahr zu sehen, wie die Mannschaft zusammengewachsen ist. Wenn man durch so ein Tal durchkommt, wie wir das zusammen geschafft haben, nimmt man da unheimlich viel Kraft mit. Von daher ist es keine Überraschung, dass die Mannschaft auch danach erfolgreich war.

Haben Sie noch Kontakt nach Wolfsburg?
Vor kurzem war sogar ein Wolfsburger Fan hier in Berlin, um mich beim Training zu besuchen – es war nur schade, dass wir gerade an dem Tag unsere Spieler mit einem Ausflug auf ein Hausboot überrascht haben und darum nicht viel Zeit war. Aber es war schön. Und zu den Spielern gibt es immer mal wieder Kontakt - zuletzt zu Wout, als er Vater wurde, dann mit Josh zu dessen Geburtstag. Da sind viele schöne Erinnerungen hängengeblieben, bei mir wie bei den Spielern. Das freut mich. Und: Viele Spieler, die schon vor mir da waren, sind immer noch da, ein Kern der Mannschaft ist vier Jahre zusammen, da ist Kontinuität da – darum ist der VfL immer noch sehr stabil.

VfL Wolfsburg gegen Arminia Bielefeld - Die Bilder

VfL Wolfsburg- Arminia Bielefeld, Saison 2020/21,  Volkswagen Arena, 25.10.2020, Zur Galerie
VfL Wolfsburg- Arminia Bielefeld, Saison 2020/21, Volkswagen Arena, 25.10.2020, ©

Sie haben in Ihrem zweiten Jahr einen Fußball spielen lassen, der oft attraktiv und torreich war – blutet Ihnen da nicht das Herz, wenn Sie sehen, dass Wolfsburger Tore zuletzt eher Mangelware waren?
Um das zu beurteilen, stecke ich nicht genug drin – und es wäre auch nicht anständig meinem Kollegen gegenüber. Ich habe auch mit meiner Mannschaft genug zu tun und gucke eher, welchen Weg wir hier in Berlin jetzt gehen können. Natürlich ist Wolfsburg ein gutes Beispiel dafür, welchen Weg man gehen kann, wenn man Kontinuität hat, wenn alles zusammenpasst, wenn eine Mannschaft bereit ist, Vorstellungen umzusetzen. Dass wir dann ins internationale Geschäft gekommen sind, war Ergebnis einer sehr intensiven Arbeit – so intensiv, dass es mir im Nachhinein viel länger vorkommt als eineinhalb Jahre.

Haben Sie denn auch in Berlin eine schöne Laufstrecke gefunden?
Ja, nicht am Wasser wie in Wolfsburg, wo ich immer am Allersee und am Kanal gelaufen bin. Hier habe ich die Gegend um die Waldbühne bei uns in der Nähe, da laufe ich morgens immer vorm Training um 7 Uhr mit unserem Athletiktrainer Günter Kern, da besprechen wir uns dann auch.

Eine Art Ritual?
Das hat nichts mit Ritual zu tun, ich brauche das einfach, um diesen intensiven Job als Trainer bewältigen zu können - und um auch mal den Kopf freizubekommen. Das macht nicht immer nur Spaß, aber mir tut es einfach gut.

"Da ist auch nichts hängengeblieben"

Und immer 45 Minuten?
Ja. Beim letzten Mal sind wir nach 44 Minuten wieder am Auto gewesen, da mussten wir dann noch eine Parkplatzrunde machen. Mich zu bescheißen, das ist schwer (lacht). Das gilt für mich selbst – und das hatten die Spieler in Wolfsburg ja auch schon gemerkt.

Viele schöne Wolfsburg-Erinnerungen – warum wollten Sie dann Ihren Vertrag beim VfL nicht verlängern?
Darüber müssen wir eigentlich nicht mehr groß reden, da ist auch nichts hängengeblieben. Das ist weit weg und ich bin keiner, der nachkartet. Ich erinnere mich vor allem an die schönen Sachen. Die positiven Dinge überwiegen, vor allem im zweiten Jahr. Wir haben die Mannschaft verändert, Weghorst, Ginczek, Roussillon und auch Pervan kamen dazu. Gerade Pervan ist ein gutes Beispiel, weil er ein total wichtiger Faktor war und sich toll entwickelt hat. Ich hatte damals mit dem österreichischen Nationaltrainer Franco Foda über ihn gesprochen und guten Gewissens sagen können: Nimm ihn dazu. Jetzt hat er seine ersten Länderspiele gemacht und hat beim VfL immer überzeugt, wenn er im Tor stand - was mich wahnsinnig für ihn freut.

Wenn Sie sich einen Spieler aus dem aktuellen VfL-Kader für die Hertha aussuchen könnten, wen würden Sie nehmen?
Das kann ich nicht machen, dazu sind zu viele Leute in der Mannschaft, die ich gern mag. Außerdem will ich keinen noch stärker reden als er ohnehin schon ist (lacht).