05. Oktober 2021 / 10:13 Uhr

Teamgeist, Taktik, Kaderplanung: Wie der FC St. Pauli zu einem Zweitliga-Spitzenteam wurde

Teamgeist, Taktik, Kaderplanung: Wie der FC St. Pauli zu einem Zweitliga-Spitzenteam wurde

Andreas Hardt
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Nicht erst seit dem 3:0-Sieg über Dynamo Dresden zeichnet sich ab: Der FC St. Pauli um den früheren Bundesliga-Stürmer Guido Burgstaller (rechts) gehört in dieser Saison zu den Zweitliga-Spitzenteams.
Nicht erst seit dem 3:0-Sieg über Dynamo Dresden zeichnet sich ab: Der FC St. Pauli um den früheren Bundesliga-Stürmer Guido Burgstaller (rechts) gehört in dieser Saison zu den Zweitliga-Spitzenteams. © IMAGO/MIS (Montage)
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Mit dem 3:0-Erfolg über Dynamo Dresden am Sonntag hat der FC St. Pauli die Tabellenführung in der 2. Liga übernommen. Längst ist der Kiezklub nicht nur für Stadtrivale Hamburger SV ein ernstzunehmender Gegner.

Dresdens Trainer Alexander Schmidt wurde deutlich: „Der Aufstieg führt nur über den FC St. Pauli“, sagte er nach der eindeutigen 0:3-Niederlage seines Teams am Sonntag im Millerntor-Stadion. „Das ist die beste Mannschaft, gegen die wir bislang in der Liga gespielt haben.“

Nach dem neunten Spieltag in der 2. Bundesliga ist die Fußballwelt in Hamburg auf den Kopf gestellt. Der FC St. Pauli grüßt von der Tabellenspitze, der Hamburger SV krebst sich mit Unentschieden durch die Liga und belegt mit fünf Zählern Rückstand Platz sieben. St. Paulis 3:2-Sieg im Stadtderby am dritten Spieltag ist diesmal kein „Ausrutscher“ des großen HSV, sondern scheint wirklich ein Indiz für die Klasse des Teams. „Wir haben eine eingeschworene Truppe“, sagt Sportchef Andreas Bornemann, „das Gefühl, dass es nicht einfach ist, uns zu schlagen, ist gut.“

Trainer Schultz: "Ich kann die Tabelle auch lesen"

Die Kiezkicker sind nicht nur aktueller Tabellenführer, sondern auch bestes Team im Kalenderjahr 2021. Den Schwung der Rückrunde 2020/2021 haben sie mit in die neue Saison gebracht. Das System ist etabliert, die Spieler wissen, was sie zu tun haben. „Ich kann die Tabelle auch lesen und sehe, dass wir Spitzenreiter sind. Das fühlt sich sehr gut an“, sagte Trainer Timo Schultz. „Wir sind zu einer super Einheit zusammengewachsen“, erklärte Mittelfeldspieler Christopher Buchtmann in seiner Analyse am Montag nach der regenerativen Laufeinheit. „Wir haben einen guten Plan. Jeder bei uns weiß, was er auf dem Platz zu tun hat.“

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Der VfL Bochum, Arminia Bielefeld und auch der 1. FC Union Berlin haben in den vergangenen Jahren vorgemacht, dass es möglich ist, als eingespieltes Team den Schritt in die 1. Liga trotz der vermeintlich namhafteren Konkurrenz zu schaffen. Natürlich wissen sie das am Millerntor auch – „aber nach neun Spieltagen ist noch niemand aufgestiegen“, sagt Bornemann.

FC St. Pauli kann mittlerweile die Taktik variieren

Tatsächlich hat er aber in den vergangenen zwei Jahren eine Mannschaft zusammengestellt, die überdurchschnittliches Zweitliga-Format hat. Und Schultz, der das Team 2020 als Neuling aus dem eigenen Jugendbereich übernommen hat, hat es geschafft, diese Elf auf Linie zu bringen. „Die Jungs glauben an unseren Plan, an das, was wir vorhaben“, weiß der Trainer, „dass jeder das mit einbringt, macht es schwer, gegen uns zu gewinnen.“

St. Pauli kann mittlerweile im System auch umschalten, ist keinesfalls eindimensional in seiner Pressingtaktik. „Das ist der größte Schritt, den wir gemacht haben“, freut sich Schultz. „Auch wenn wir in der Abwehr tief stehen und nicht nur auf Balleroberung gehen, gelingt es uns, den Gegner weit weg vom Tor zu halten.“


Burgstaller, Irvine und Co.: Volltreffer beim Personal

Dazu kommt das gute Händchen bei der Personalplanung. Guido Burgstaller, Leart Paqarada, Afeez Aremu und Daniel-Kofi Kyereh waren schon in der Vorsaison Volltreffer. Mit dem australischen Nationalspieler Jackson Irvine haben Bornemann, Schultz und die Scoutingabteilung einen ebensolchen Transfercoup gelandet wie mit Innenverteidiger Jacov Medic und Torwart Nicola Vasilj. Diese zuvor nur Insidern bekannten Spieler haben die Qualität im Kader deutlich angehoben.

Mit diesem Kader ist der Aufstieg tatsächlich möglich. Noch nimmt das A-Wort niemand in den Mund, aber ein Tabu gibt es auch nicht. Jedenfalls solange niemand abhebt. „Ich liebe Euphorie“, sagt Schultz, „und träumen ist erlaubt. Aber die Arbeit darf nie vergessen werden.“