18. September 2021 / 12:11 Uhr

Alles begann mit einer Prügelei: Warum den FC Bayern und den VfL Bochum eine Fan-Freundschaft verbindet

Alles begann mit einer Prügelei: Warum den FC Bayern und den VfL Bochum eine Fan-Freundschaft verbindet

Udo Muras
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Bis heute existiert eine Fan-Freundschaft zwischen dem FC Bayern und VfL Bochum.
Bis heute existiert eine Fan-Freundschaft zwischen dem FC Bayern und VfL Bochum. © IMAGO/Michael Weber/Team 2/Montage
Anzeige

Die Fans des FC Bayern München und VfL Bochum pflegen seit 1973 eine enge Beziehung. Nun steht das erste Bundesliga-Duell seit elf Jahren an. Die Hintergründe einer Fan-Freundschaft, die aus einer Prügelei zwischen Anhängern beider Teams entstand.

Wenn wir in normalen Zeiten leben würden, dann wüsste Dirk Michalowski (50), wie sein Besuch in der Münchner Allianz-Arena am heutigen Samstag beginnen würde. "Ich würde meinen besten Freund aus Straubing erst mal kräftig umarmen, weil wir uns so lange nicht gesehen haben. Und dann würden wir irgendwo ein gepflegtes Bierchen trinken“, erzählt der Fanbeauftragte des VfL Bochum dem SPORTBUZZER, den Sportportal des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND). Es sind aber keine normalen Zeiten, es gibt die Corona-Pandemie und das Virus schränkt auch den Stadionbesuch beim Bundesliga-Duell Bayern München gegen den VfL Bochum (15.30 Uhr, Sky) ein. Ob sich Heim- und Gästefans überhaupt begegnen können, das steht in den Sternen.

Anzeige

Das ist Pech. Nunmehr elf lange Jahre trennte den VfL und den FCB eine Liga – und nun erschwert das Virus das Wiederaufleben der angeblich längsten Fan-Freundschaft im deutschen Fußball. Schalker und Nürnberger reklamieren das Prädikat, die ersten gewesen zu sein, zwar auch für sich. Aber bis zum Nachweis des Gegenteils schmücken sich weiterhin die Fanlager aus München und Bochum mit diesem "Titel", denn sie haben quasi ein Geburtsdatum.

Hier Taubenzüchter, da Schuhplattler

Alles begann mit einer Prügelei. Am 3. November 1973 spielten die Bayern mit Beckenbauer, Maier, Müller in Bochum und gewannen glanzlos mit 1:0. Da wollten einige VfL-Fans wenigstens im Nachspiel einen Treffer landen und schlugen auf die zahlenmäßig unterlegenen Bayern-Fans ein, als Hilfe von unerwarteter Seite kam. Der Fanklub Bochumer Jungen schritt ein, rettete die Bayern und nahm sie sogar mit in die heilige Stammkneipe – die Gaststätte Beckporte – wo ausgiebig gefeiert und gesungen wurde. Adressen wurden getauscht und eifrig Postkarten verschickt oder telefoniert. So begann die ungewöhnliche Fan-Freundschaft zwischen Anhängern zweier Klubs, die auf den ersten Blick wenig gemein haben. Hier Taubenzüchter, da Schuhplattler, hier Currywurst, da Weißwurst, hier Fiege-Pils, da Weißbier. Doch menschliche Sympathie überwand alle Barrieren. Auch sportlich bewegten sich Bayern und Bochumer immer in anderen Regionen, was womöglich das Zusammenleben erleichterte.

Während die Bayern Mitte der Achtziger zum Rekordmeister avancierten, wurde der VfL zu den "Unabsteigbaren". Man holte sich gegenseitig vom Bahnhof ab, veranstaltete Fanelfmeterschießen, es gab zweifarbige Fanschals und sogar ein Liebeslied: "Wir gehören zusammen wie der Wind und das Meer, der VfL Bochum und der FCB!" Vor 30 Jahren gehörte es quasi zur Pflicht eines VfL-Fanklubs, mit einem Bayern-Fanklub liiert zu sein. Wer keinen Partner hatte, gab eben im Magazin Fantreff eine Kontaktanzeige auf. Über 30 derartige Verbindungen soll es gegeben haben, von denen heute noch vier bis fünf übrig sind. "Mitte der Neunziger ist das Ganze nach unseren Abstiegen etwas eingeschlafen", weiß Michalowski, der auch von kritischen Stimmen aus den eigenen Reihen weiß. Die Nachrücker fragten schon mal: "Wie könnt ihr das machen?"

Tiefpunkt 2004, weil VfL-Torjäger Hashemian auf der Bayern-Bank versauert

Er beschwichtigte die Bayern-Kritiker damit, dass "Fan-Freundschaften keine Vereinsfreundschaften sind. Wir finden auch nicht alles gut, was die Bayern so machen.“ Als sie 2004 den VfL-Bomber Vahid Hashemian holten, um ihn dort auf der Bank verkümmern zu lassen, da war das "der absolute Tiefpunkt", und nun erklangen auch im Ruhrstadion die "Lederhosen"-Schmählieder. Die Freundschaft beschränkte sich noch auf persönliche Kontakte, besonders unter den Gründern von 1973 – den Bochumer Jungen und den Red Angels. Auch weil sich auf Feten Liebespaare gefunden hatten, wie Michalowski bezeugen kann.

Im Rahmen des DFB-Pokalfinals 2005 näherten sich die Münchner Schickeria und die VfL-Ultras einander wieder an – bei einem Fanturnier. Selbst die verschiedenen Ligen waren kein unüberwindliches Hindernis mehr, man schuf eben Gelegenheiten. Michalowski berichtet: "Wenn wir in Ingolstadt oder bei 1860 spielten, bekamen wir immer Besuch von unseren Bayern-Freunden und wenn die Bayern irgendwo im Westen waren, kam es auch zu Treffen – und natürlich haben sie uns auch zum Aufstieg gratuliert." Denn er führt die Klubs wieder zusammen.