24. November 2020 / 09:01 Uhr

Elfmeterschießen-Serie: Als Jonas Hector bei der EM 2016 den Italien-Fluch brach

Elfmeterschießen-Serie: Als Jonas Hector bei der EM 2016 den Italien-Fluch brach

Tim Lüddecke
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Deutschland besiegte Italien im Viertelfinale der EM 2016 - weil Jonas Hector seinen Elfmeter gegen Gianluigi Buffon verwandelte.
Deutschland besiegte Italien im Viertelfinale der EM 2016 - weil Jonas Hector seinen Elfmeter gegen Gianluigi Buffon verwandelte. © Getty/Montage
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SPORTBUZZER-Serie "50 Jahre Elfmeterschießen": Dank des ersten Profi-Elfmeters von Jonas Hector zog die DFB-Elf 2016 ins Halbfinale der Europameisterschaft ein – und beendete gleichzeitig ihren Italien-Fluch.

Dass er überhaupt noch an die Reihe kommen würde, damit hatte Jonas Hector nicht mehr gerechnet. Doch plötzlich waren dort auf dem Rasen im Stade Matmut-Atlant von Bordeaux außer ihm nur noch Benedikt Höwedes und Manuel Neuer übrig. Das Elfmeterschießen der Deutschen gegen die italienische Nationalmannschaft an diesem 2. Juli 2016 hatte sich zu einem unvorhersehbaren Krimi vom Punkt entwickelt. Drei der treffsichersten Schützen beim DFB, Thomas Müller, Mesut Özil und Bastian Schweinsteiger, waren die Nerven zuvor versagt. Und nun sollte Hector, der Linksverteidiger vom 1. FC Köln, der in seiner Zeit als Profi noch nie zuvor aus elf Metern angetreten war, zur Tat schreiten – um seine Mannschaft ins Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft zu schießen.

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Fünf Schritte Anlauf, ein Schuss mit der linken Innenseite in die rechte Torecke, nicht stramm oder ungemein präzise, doch gut genug, um Italiens Nationalkeeper, den großen Gianluigi Buffon, unterhalb seiner linken Achsel zu überwinden. „Jaaaaaaa“, brüllt ARD-Kommentator Steffen Simon in sein Mikrofon, „das Drama von Bordeaux“, ruft er und „die Reise geht weiter“; noch nicht wissend, dass sie im Halbfinale gegen EM-Gastgeber Frankreich ein jähes Ende finden würde. Doch daran denkt in dieser lauen Sommernacht jetzt noch niemand bei der deutschen Nationalmannschaft.

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Erst einmal bahnt sich die Erleichterung ihren Weg in die Gesichter der Mannen um Bundestrainer Joachim Löw. Darüber in die nächste Runde eingezogen zu sein, natürlich. Aber auch darüber, die bösen Geister in den Himmel über der Stadt am Atlantik vertrieben zu haben.

Sommermärchen, Balotelli & Co: Der Italien-Fluch war besiegt

Gleich zweimal innerhalb der letzten zehn Jahren hatte es sich bei großen Turnieren in K.-o.-Spielen zugetragen, dass die Italiener den Deutschen überlegen gewesen waren. Erst bei der Heim-WM 2006, als Fabio Grosso und Alessandro del Piero das deutsche Sommermärchen im Halbfinale von Dortmund in der 119. und 120. Minute der Verlängerung auf tragischste Art und Weise beendeten. Dann bei der EM 2012, als Mario Balotelli mit zwei Toren und seinem weltberühmten Six-Pack-Jubel beim 1:2 erneut das deutsche Halbfinal-Aus besiegelte. Dieser Italien-Fluch war nun besiegt.

Auch dank Jonas Hector, der tags darauf sogar allmählich Gefallen an seiner Heldenleistung gefunden hatte, obwohl er sonst als einer der zurückhaltenden Nationalspieler gilt. Darauf angesprochen, dass italienische Medien ihrem Torwart einen Fehler vorwarfen, weil Buffon eine Art Bogen über seinen Schuss gemacht hatte, konterte der Kölner trocken: „Er hat den Elfmeter nicht gehalten, also war er unhaltbar.“ Letztlich würden die deutschen Fans seinen Treffer sogar zum „Nationalmannschaftstor des Jahres 2016“ wählen. Und zu diesem Anlass erinnerte sich Hector nochmal daran, dass er auf dem Weg zum Punkt über die Ecke nachgedacht hat, die er anvisieren wolle – und dass er sich dabei noch zweimal umentschieden habe.

Es war dieses eine Mal, dass Hector, der erst kürzlich seinen Rücktritt aus der DFB-Elf bekannt gegeben hat, wirklich berühmt gewesen ist in seiner Karriere. In dieser Nacht, in der ohnehin nur wenig gewöhnlich war. Auch für die deutsche Auswahl war es ja das erste Elfmeterschießen bei einem Turnier seit dem WM-Viertelfinale 2006 gegen Argentinien.


Vor Hector hatten bereit sieben Spieler verschossen - darunter Zaza

Vor Hector, dem 18. Schützen, hatten bereits insgesamt sieben Spieler verschossen, darunter der Italiener Simone Zaza mit seinem berühmten Anlauf von handgezählten 17 Trippelschritten – und dem mindestens genauso berühmten Schuss gen Zuschauer-Oberrang. Darunter Thomas Müller, der beim Anlauf so sehr auf Keeper Buffon starrte, dass er ganz offenbar den Fokus für die Beinarbeit verlor und einen schwachen Schuss absonderte. Darunter Mesut Özil, der Italiens Nationalkeeper eigentlich zweimal schon vom Punkt bezwungen hatte, bei der EM 2012 und in einem Testspiel im März 2016 – der nun aber nur den Pfosten traf. Darunter der italienische Abwehrveteran Leonardo Bonucci, der die deutsche Führung durch Özil nach einem Handspiel von Jerome Boateng per Strafstoß mit einem verzögerten Schuss in die rechte Ecke ausgeglichen hatte – der beim Showdown dann aber fatalerweise die andere Ecke wählte. Neuer fuhr seinen rechten Arm aus, Kommentator Simon rief: „Manuel Neuer, der beste Torwart der Welt.“

Wenig später kam jemand zu Hector, erinnert sich dieser: „‘Jetzt schießt du.‘ – Das habe ich dann getan.“