30. April 2020 / 12:14 Uhr

Dzekos Dropkick: Ein Tor wie gemalt, und der Pianist staunte

Dzekos Dropkick: Ein Tor wie gemalt, und der Pianist staunte

Engelbert Hensel
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Fließende Bewegung: Edin Dzekos Drop-Kick-Tor 2009 gegen Hannover 96.
Fließende Bewegung: Edin Dzekos Drop-Kick-Tor 2009 gegen Hannover 96.
Anzeige

75 Jahre wird der VfL Wolfsburg alt: Grund genug, um an besondere Fußball-Momente zu erinnern – und an wichtige, kuriose und spezielle Tore. In unserer Serie "Jeden Tag ein Tor" stellen wir jeweils einen dieser Treffer vor und erzählen die Geschichte dahinter. Diesmal geht’s um ein Tor, das gleichermaßen schön und wichtig war.

Anzeige

Da staunte selbst der Pianist aus Kyllburg nicht schlecht: Die 14. Minute im Niedersachsen-Derby des VfL Wolfsburg bei Hannover 96 am 16. Mai 2009, der vorletzte Spieltag der Saison 2008/09 – und dann dieses formvollendete 1:0 von Edin Dzeko per Dropkick. Das Foto zeigt deutlich: Auch Schiri Heribert Fandel, im Hauptberuf Pianist und Musikschulleiter, schaute fasziniert zu.

Anzeige

Denkt man an die deutsche Meisterschaft des VfL, denkt man automatisch an das Wahnsinns-Hackentrick-Tor von Grafite im April 2009 beim 5:1 gegen die Bayern. Aber wenn es um die Kombination aus Schönheit und Bedeutung eines Treffers aus Wolfsburgs Meister-Spielzeit geht, landet man bei Dzekos 1:0 beim 5:0 in Hannover. Ein Tor wie gemalt! Eine Flanke aus dem Halbfeld von Makoto Hasebe (heute Eintracht Frankfurt) zu Dzeko, der den Ball an der Strafraumgrenze per Brust nach rechts ablegt und so Gegenspieler Mario Eggimann damit narrt, dann ein Dropkick mit rechts in den rechten Winkel – Wahnsinn. „Mein schönstes und wichtigstes Tor meiner Karriere“, jubelte der heutige Angreifer der AS Rom.

Super-Siege hatte es in der Rückrunde der Spielzeit 2008/09 viele gegeben, aber nur ganz wenige waren so klar, so dominant wie der in Hannover. Es war einer der Sorte für die Ewigkeit, zumal danach auch der letzte Skeptiker begriff: Dieser VfL ist auf dem besten Weg, Meister zu werden! Dreimal war Dzeko insgesamt erfolgreich, zweimal sein kongenialer Sturmpartner Grafite – dann war der Drops gelutscht. Bis heute ist‘s der höchste Auswärtssieg in der VfL-Bundesliga-Geschichte. Der VfL spielte den Nachbarn damals nicht nur an die Wand, er demontierte 96. Dank eines überragenden Dzeko, der nach seinem traumhaften Führungstreffer selbst darüber staunte, was ihm da gelungen war. „Nach dem Tor wusste ich erst gar nicht, wohin ich laufen sollte mit meiner Freude, das Tor war einfach geil und ganz wichtig für die Mannschaft“, sagt Dzeko noch heute.

Die Kapitäne des VfL Wolfsburg seit dem Bundesliga-Aufstieg 1997:

Josuha Guilavogui ist seit dieser Saison VfL-Kapitän Zur Galerie
Josuha Guilavogui ist seit dieser Saison VfL-Kapitän ©

Dzeko lief hernach zur Bank, drückte zuerst Zeugwart Heribert Rüttger, zu dem er immer einen engen Draht hatte, danach drückte ihn Mitspieler Ashkan Dejagah, der auf der Bank saß. Freude pur an diesem sonnigen Samstagnachmittag. „Deutscher Meister wird nur der VfL“, skandierten die VfL-Fans.


Und das konnte an diesem Tag auch Dieter Hecking nicht verhindern. Der ehemalige VfL-Trainer (gewann mit Wolfsburg 2015 den Pokal) war damals 96-Trainer – und er war gut unterwegs mit den längst geretteten Roten. Seit zwölf Heimspielen war Hannover unbesiegt, der 96-Uralt-Rekord von 1968 hätte an diesem Samstag eingestellt werden können. Doch das ging ebenso schief wie der Versuch, das 1000. Tor in der Ligahistorie von Hannover zu erzielen – zwei Treffer fehlten noch vor dem Anpfiff, hinterher ebenfalls…

Mehr zum VfL Wolfsburg

Für Hannover war es die Einstellung der höchsten Heimniederlage, so dass Hecking „dementsprechend bedient“ war. Zudem hatte es vor dem Spiel Wirbel um Routinier Michael Tarnat gegeben, Hecking hatte ihm zwischen Tür und Angel mitgeteilt, dass sein damals auslaufender Vertrag nicht verlängert werde. Aus Tarnat-Sicht respektlos, dennoch spielte er. Nach seiner Auswechslung nach knapp 60 Minuten der nächste Eklat – Tarnat verweigerte seinem Coach den obligatorischen Handschlag.

Jeden Tag ein Tor: Hier gibt es alle Teile der Serie!

Dzeko und Co. juckte das Thema herzlich wenig. Dem Nationalspieler waren in der Rückrunde der damaligen Spielzeit unglaubliche 21 Treffer geglückt. Beim 4:0 gegen Hoffenheim im Mai machte er den ersten Hattrick der Wolfsburger Bundesliga-Geschichte. Den Weg zum Titel pflasterte er maßgeblich mit. Dieser Dropkick in den Winkel wäre wohl Tor des Jahres geworden – wenn da nicht das irre Grafite-Tor gewesen wäre.

Dzeko holte sich 2010 die Torjägerkrone der Liga, es zeichnete sich ab, dass er nicht zu halten sein würde. Sein Transfer zu Manchester City im Januar 2011 spülte sagenhafte 37 Millionen Euro in die Kasse. Seinen Einkaufspreis hatte der aus Teplice gekommene Schlaks damit verzehnfacht. Was geblieben ist: Die Erinnerung an 66 Treffer in 111 Bundesliga-Partien – bis heute VfL-Rekord.