27. April 2020 / 07:22 Uhr

Dynamo Dresdens Schmidt: "90 Minuten Hochleistungssport mit Mundschutz kann ich mir nicht vorstellen"

Dynamo Dresdens Schmidt: "90 Minuten Hochleistungssport mit Mundschutz kann ich mir nicht vorstellen"

Jochen Leimert
Dresdner Neueste Nachrichten
Dynamos Stürmer Patrick Schmidt (Links) will bei Klassenerhalt gern in Dresden bleiben.
Dynamos Stürmer Patrick Schmidt (Links) will bei Klassenerhalt gern in Dresden bleiben. © Dennis Hetzschold
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Der Schütze des "Tor des Monats" März sehnt sich nach Fußball, könnte aber auch mit einem Saisonabbruch ohne Absteiger gut leben. Im SPORTBUZZER-Interview spricht er aber auch über Geisterspiele, Kicken mit Mundschutz und seinen geplanten Sommerurlaub.

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Dresden. Als sechster Dynamo-Profi nach Uwe Rösler, Thomas Rath, Klemen Lavric, Pascal Testroet und Justin Eilers hat Patrick Schmidt die traditionsreiche Umfrage der ARD-Sportschau nach dem Tor des Monats gewonnen. Der 26 Jahre alte Saarländer setzte sich mit seinem Fallrückzieher zum 2:1 gegen Aue bei der März-Wahl mit 34,94 Prozent der Stimmen gegen Kölns Nationalspieler Jonas Hector (30,78 Prozent) und Bremens Reena Wichmann (13,80 Prozent) durch. Im SPORTBUZZER-Interview verrät der Mittelstürmer nicht nur, warum er die ihm von Trainer Markus Kauczinski überreichte Ehrenmedaille nicht mit nach Hause nehmen durfte und wer sein Derby-Trikot bekommen hat, sondern auch, was er von Geisterspielen und den kontroversen Diskussionen um eine Fortführung der Saison in den Bundesligen hält.

Glückwunsch zum Umfragesieg! Hat Ihre Medaille schon einen Ehrenplatz daheim gefunden?

Schmidt: Nein, noch nicht. Ich musste sie gleich wieder hergeben, denn wegen Corona konnte mein Name noch nicht eingraviert werden. Ich denke aber, dass ich sie in den nächsten ein, zwei Wochen zugeschickt bekomme. Dann wird sie auch ein schönes Plätzchen erhalten.

Wer hat denn das Trikot bekommen, in dem Sie dieses wunderschöne und wichtige Tor gegen Aue geschossen haben?

Das habe ich einem guten Freund geschenkt, der mich an diesem Tag in Dresden besucht und mir Glück aus der Heimat mitgebracht hat.

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Die SG Dynamo Dresden gewinnt nach 0:1-Rückstand mit 2:1 und sichert sich somit den Sieg im Sachsenderby. ©

Haben Ihnen denn schon die Auer Sören Gonther und Martin Männel gratuliert, die Sie am 8. März mächtig geärgert hatten?

Nein, noch nicht zur Wahl. Sie haben mir aber gleich nach dem Spiel zum Tor gratuliert. Das ist ganz fair abgelaufen.

Hat sich Ihr alter Trainer Frank Schmidt gemeldet und mit Nachdruck Ihre Rückkehr nach Heidenheim eingefordert?

Natürlich habe ich Glückwünsche aus Heidenheim zur Wahl zum Torschützen des Monats erhalten, aber das Andere war kein Thema. Es gibt momentan Wichtigeres als solche Sachen.

Wenn weitergespielt wird, dann nur mit Geisterspielen. Was meinen Sie, lassen sich solch spektakuläre Tore wie Ihres auch vor leeren Rängen schießen oder braucht man dazu den letzten Kick von der tobenden Menge auf den Rängen?

Ich denke schon, dass das geht. Allerdings bringt das nicht mal die Hälfte an Emotionen. Ich habe das Tor bei der Ehrung noch mal gesehen und auch, wie die Zuschauer ausgerastet sind. Das ist es doch, wofür wir Fußball spielen, was mir der Fußball gibt. Wenn einem das genommen wird, ist der Fußball höchstens noch die Hälfte wert. Ich hatte noch kein Geisterspiel, hoffe aber, dass man das wenigstens etwas ausblenden und trotzdem solche Tore erzielen kann.

Das 2:1 gegen Aue war Ihr bislang schönster Treffer. Was schätzen Sie, wann können Sie überhaupt wieder in einem Spiel zum Torschuss ansetzen?

Ich habe damit aufgehört, mögliche Szenarien durchzuspielen. Wir stecken nicht drin, wir können das nicht entscheiden, auch nicht ändern. Wir versuchen, uns für den Tag X so gut wie möglich fitzuhalten.

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2000: Dynamo Dresden und Borea Dresden teilen sich das Rudolf-Harbig-Stadion. ©

Wie fit fühlen Sie sich nach nun zwei Wochen in Kleingruppentraining?

Nach den drei, vier Wochen ohne Mannschaftstraining, wo man nur zu Hause gelaufen ist, hat man gemerkt, dass es Zeit war, mit dem Ball am Fuß wieder auf den Platz zurückzukehren. Man hat dort eine andere Belastung, bewegt sich ganz anders. Von daher war es höchste Eisenbahn, dass das möglich gemacht wurde. Allerdings fehlen einem die kompletten Spielformen. Bevor man wieder in den Wettkampf einsteigt, muss man die im Kollektiv trainieren können – erst da holt man sich die richtige Fitness, die man braucht und die die Spieler auch vor Verletzungen schützt.

Für wie praktikabel halten Sie die Vorgaben der DFL für Geisterspiele?

Fußball ist ein Emotionssport, da kann es sein, dass man beispielsweise nach einem Tor mal nicht an Abstandsregelungen denkt. Ich bin da schon ein wenig skeptisch, ob das alles so durchgeführt werden kann. Ich bin auch gespannt, was passiert, wenn da etwas – nicht aus Absicht, sondern unbeabsichtigt – missachtet wird. Das ist ein sehr schwieriges Thema, Theorie und Praxis sind nicht immer dasselbe. Fußball ist und bleibt nun mal ein Kontaktsport.

Leute, die offenbar nicht direkt mit Hochleistungssport zu tun haben, fragten nun, ob man nicht mit Mundschutz spielen könne. Können Sie sich das im Profifußball auch nur ansatzweise vorstellen?

Absolut nicht. Ich bin ein von Grund auf positiver Mensch, begrüße Maßnahmen, damit weitergespielt werden kann. Aber wenn jemand sagt, dass Spieler mit Mundschutz spielen sollen, dann bin ich an einem Punkt, wo ich glaube: Dann hat das alles keinen Sinn mehr! Dann kriegst du keinen fairen Wettbewerb mehr hin, das muss man dann auch einsehen. Jeder, der schon mal Fußball gespielt hat, weiß, dass du mit so einer Maske keine zwei längeren Sprints hinbekommst, ohne dass du dir das Ding vom Gesicht reißt. Es ist ja schon jeder froh, wenn er aus einem Laden raus ist und die Maske abnehmen kann. 90 Minuten Hochleistungssport mit Mundschutz kann ich mir nicht vorstellen.

Es gibt auch Überlegungen, die Mannschaften über mehrere Wochen in Hotels abzuschotten, um zwischen den Spielen Kontakte nach außen zu vermeiden. Was halten Sie davon?

Ich bin allein hier in Dresden, das wäre für mich deutlich einfacher als für Spieler mit Frau und Kindern. Aber vielleicht kommt man gar nicht daran vorbei, wenn die Saison weiterlaufen soll. Das wäre nicht schön, aber wenn es sein muss, dann muss es wohl sein. Die Zeit geht auch vorbei, vielleicht kriegt man das auch irgendwie hin.

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Es ist völlig offen, wo Dynamo nächstes Jahr spielt. Auch Ihre berufliche Zukunft ist damit ungewiss. Wie gehen Sie damit um?

Da mache ich mir gar keine Gedanken drüber, ich habe ja ab Sommer noch zwei Jahre Vertrag in Heidenheim. Dass ich gern in Dresden bleiben würde, wenn wir den Klassenerhalt geschafft haben, ist längst kein Geheimnis mehr, aber momentan ist das Saisonende weit weg. Wir müssen erst mal schauen, ob weitergespielt wird oder nicht.

Hand aufs Herz – wäre es Ihnen nicht lieber, man würde die Saison wie in anderen Mannschaftssportarten ohne Absteiger sofort beenden?

Zumindest wünscht man sich manchmal Planungssicherheit, denn man trainiert ins Ungewisse. Das ist für den Kopf nicht immer so einfach. Natürlich wollen wir alle den sportlichen Wettbewerb, wollen uns mit anderen messen. Wir waren gut drauf, wollen lieber den Klassenerhalt auf normalem Wege schaffen, aber wenn die Saison ohne Absteiger abgebrochen werden würde, könnte man das bei Dynamo auch ganz gut verkraften.

Können Sie verstehen, dass die Allgemeinheit über die möglicherweise für den Profifußball greifenden Ausnahmerregelungen kontrovers diskutiert, nicht wenige Leute eine Extrawurst für den hochbezahlten Leistungsfußball kritisieren?

Das kann ich gut verstehen, das ist absolut nachvollziehbar. Es wäre so, dass Fußball dann als Extrawurst behandelt wird. Aber man wird es in dieser Zeit – egal welche Regelungen getroffen werden – nicht allen recht machen können. Man wird immer Befürworter und Kritiker finden. Man wird keinen hundertprozentig zufriedenstellen. Es gilt einen Weg zu finden, mit dem sich irgendwie alle wenigstens halbwegs arrangieren können.

Hatten Sie schon Ihren Sommerurlaub geplant?

Ja, ich wollte nach Bali fliegen, aber das wird ins Wasser fallen. Auch damit habe ich mich abgefunden, alles storniert. Es gibt momentan Wichtigeres als Fußball und Urlaub. Wir müssen alle gesund bleiben, es in Deutschland schaffen, dass unsere Kapazitäten in den Krankenhäusern nicht überstrapaziert werden.