30. März 2020 / 09:18 Uhr

Dynamo Dresdens Geschäftsführer Born: Sind "von den Auswirkungen der Krise sehr stark betroffen"

Dynamo Dresdens Geschäftsführer Born: Sind "von den Auswirkungen der Krise sehr stark betroffen"

Jochen Leimert, DNN
Dresdner Neueste Nachrichten
Fußball: Bundesliga, Bayern München - Borussia Dortmund, 28. Spieltag am 08.04.2017 in der Allianz Arena in München (Bayern). Sokratis (l) und Marcel Schmelzer von Dortmund diskutieren nach Spielende miteinander. (Wichtiger Hinweis: Aufgrund der Akkreditierungsbestimmungen der DFL ist die Publikation und Weiterverwertung im Internet und in Online-Medien während des Spiels auf insgesamt fünfzehn Bilder pro Spiel begrenzt.) Foto: Andreas Gebert/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Einen Rekordgewinn wie auf der letzten Mitgliederversammlung im Herbst kann Michael Born auf der nächsten sicher nicht vermelden. © imago images/Steffen Kuttner
Anzeige

Michael Born, der kaufmännische Geschäftsführer von Dynamo Dresden, spricht über sein Krisenmanagement angesichts der Corona-Pandemie, die Frage, ob er sich einen Saisonabbruch samt Absteigern vorstellen kann, Dynamos finanzielle Reserven und die Bauarbeiten am neuen Trainingszentrum im Ostragehege.

Anzeige

Dresden. Seit Sommer 2016 arbeitet Michael Born als kaufmännischer Geschäftsführer für Dynamo Dresden. Seitdem konnte der Fußball-Zweitligist Gewinne erwirtschaften, den Bau eines neuen Trainingszentrums in Angriff nehmen. Doch die Corona-Krise stellt Born und den gesamten Verein vor völlig neue Herausforderungen. Wie der 52-Jährige damit umgeht, erläutert er im SPORTBUZZER-Interview.

Anzeige

Frage: Wie geht es Ihnen gesundheitlich?

Born: Ich kann nicht klagen. Das ist das Wichtigste, dass die Gesundheit momentan passt.

Wie sieht Ihr Arbeitstag derzeit aus?

Das sind gegenwärtig sehr lange Tage, an denen wir eine Vielzahl von Themen zu bearbeiten haben. Das ist momentan Krisenmanagement, wir müssen uns mit vielen Szenarien beschäftigen. Bedingt durch die Empfehlungen der Virologen dauern Besprechungen auch viel länger mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Es gibt unheimlich viele Telefonate und Videokonferenzen, dieser Thematik müssen wir uns stellen. Das tun wir, aber das ist nicht das Hauptproblem.

Mehr zu Dynamo Dresden

Ein Geschäftsführer ist oft rund um die Uhr im Dienst. Wie groß ist da die Umstellung auf Home Office für Sie noch oder bevorzugen Sie die Ruhe auf der Geschäftsstelle?

Sowohl als auch. Viele Dinge sind natürlich auf der Geschäftsstelle viel einfacher zu machen. Ich habe mein eigenes Büro, von daher bin ich auch sehr oft und lange auf der Geschäftsstelle, weil ich da die gesamten Materialien und einen großen Bildschirm habe.

Jetzt sieht es danach aus, dass bis Ende April nicht gespielt wird. Glauben Sie überhaupt noch an eine Fortsetzung der Saison?

Das ist sehr, sehr schwer zu prognostizieren. Wenn sie fünf Virologen fragen, kriegen sie acht Antworten. Das kann im Augenblick mit Sicherheit keiner sagen, da muss man auf Sicht fahren, die Entwicklung abwarten. Wir werden am kommenden Dienstag bei der Online-Mitgliederversammlung der DFL im Kreis der Erst- und Zweitligisten auch darüber diskutieren. Ich möchte den Experten nicht vorgreifen.

Halten Sie drei Englische Wochen hintereinander für machbar, falls noch gespielt wird?

In diesem Fall hätten alle Mannschaften dieses Problem, wobei die Integrität des Wettbewerbs schon auf eine harte Zerreißprobe gestellt würde, denn ich halte es absolut nicht für ausgeschlossen, dass auch dann Mannschaften von Neu-Infektionen mit dem Coronavirus betroffen sein könnten. Die Folge wäre nach gegenwärtigem Stand, dass dann wieder Mannschaften in Quarantäne gehen und nach 14 Tagen wieder ein Spiel austragen müssten. Erst, wenn bei einer Erkrankung eines einzelnen Spielers die Quarantäne einer gesamten Mannschaft nicht mehr notwendig ist, können die Verbände den Ablauf eines Wettbewerbs wieder seriös planen.

Dynamo könnte mit einer Sondergenehmigung vom Sächsischen Innenministerium wieder eingeschränkt in Kleingruppen trainieren, macht es aber nicht. Wann würden die Trainer davon Gebrauch machen?

Die DFL hat in dieser Thematik zu einer einheitlichen Vorgehensweise aufgerufen. Das finde ich richtig und wichtig. Darüber werden wir am Dienstag auf der Mitgliederversammlung sprechen. Um da Wettbewerbsgerechtigkeit zu finden, sollte man in der Liga zu einer einheitlichen Vorgehensweise kommen. Training in dieser Form hat mit einem geregelten Mannschaftstraining sowieso wenig zu tun. Wenn es wieder irgendwann losgehen sollte, wie es geplant ist, muss natürlich vorher gewährleistet sein, dass Mannschaftstraining stattfinden kann.

DURCHKLICKEN: Individuelles Training bei Dynamo

Torwart Kevin Broll bereitet sich an seinem Auto für eine Runde Joggen vor. Zur Galerie
Torwart Kevin Broll bereitet sich an seinem Auto für eine Runde Joggen vor. ©

Wann wird bei Dynamo wieder in Gruppen Training angeboten?

Anzeige

Wir hatten beim Gesundheitsamt angefragt, mit dem Ergebnis sind wir auch erst einmal einverstanden. Die Politik hat jetzt auch schwierige Entscheidungen zu treffen. Wir haben unter Berücksichtigung der komplexen Gesamtsituation entschieden, das individuelle Training vorerst weiterzumachen, weil das Kleingruppentraining keine wesentliche Verbesserung ist. Alle anderen Mannschaften sind ähnlich betroffen – bis auf wenige Ausnahmen. Es wäre wichtig, in Vorbereitung der Wiederaufnahme des Spielbetriebs zu einer einheitlichen Lösung zu kommen. Es kann nicht sein, dass einige Mannschaften 14 Tage voll trainieren können, andere eingeschränkt, andere gar nicht.

Fürchten Sie Probleme für ausländische Spieler, die jetzt bei ihren Familien sind und dann möglicherweise nicht einreisen können?

Nein, denn der Weg zum Arbeitsplatz ist gewährleistet.

Halten Sie es für denkbar, dass es im Fußball im Falle eines Saisonabbruchs anders als in anderen Ballsportarten Absteiger geben könnte?

Das kann ich mir nicht vorstellen, aber mit Gewissheit kann das im Moment niemand sagen. Diese Entscheidung zu treffen ist nicht einfach, aber ein einzelnes Spiel, das wegen höherer Gewalt abgebrochen werden muss, wird laut Satzung auch wiederholt. Jetzt geht es nur nicht um einzelne Spiele, sondern um eine ganze Saison. Und dafür gibt es keine bestehenden Regularien. Aber erst einmal muss es das Ziel aller Beteiligten sein, den Spielbetrieb wieder aufzunehmen.

Gibt es rechtlich überhaupt Möglichkeiten, einen zum 30.6. auslaufenden Spielervertrag um einige Wochen zu verlängern, wenn die Saison etwas länger dauern sollte?

Dafür wäre eine Sonderregelung nötig, die aber von der FIFA kommen müsste. Die Transferfenster gelten ja nicht nur für uns, diese Geschichte müsste weltweit geregelt werden. Die FIFA beschäftigt sich wohl auch damit.

Mehr zu Dynamo Dresden

Was sagt die DFL hinsichtlich der Auszahlung der letzten Rate des Fernsehgeldes? Ist es denkbar, dass es auch ohne Spiele fließt?

Die DFL ist natürlich in engem Austausch mit ihren Medienpartnern, aber es wäre verfrüht, da eine Aussage zu treffen. Es ist natürlich schon so, dass vertragliche Leistungen nicht erbracht werden könnten. Dann gibt es auch keine Zahlungsverpflichtung, mit entsprechenden Regressansprüchen muss man rechnen. Das hat die DFL den Vereinen auch mitgeteilt. Da arbeitet man jetzt mit Hochdruck an Lösungen.

Dynamos Hauptsponsor ALL-INKL.COM zahlt weiter. Wie steht es um die anderen Sponsoren?

Wir sind unserem Hauptsponsor ALL-INKL.COM sehr dankbar, dass sie in so einer Situation ein so starkes Zeichen gesetzt haben. Sie dokumentieren als größter Sponsor unseres Vereins damit natürlich, wie stark sie mit dem Verein und der Region verbunden sind. Das Bekenntnis hilft uns enorm und wir hoffen, dass andere Partner, die in der Corona-Krise dazu in der Lage sind, folgen, damit der Schaden für den Verein so gering wie möglich ausfallen wird. Die Ostsächsische Sparkasse und die USD Immobilien GmbH haben sich bereits angeschlossen und werden das wie ALL-INKL.COM machen, wir sind mit weiteren Partnern in guten Gesprächen.

Ticketeinnahmen sind keine mehr zu erwarten. Wie hoch schätzen Sie den finanziellen Ausfall ein?

Wir machen uns intensiv darüber Gedanken, denn da entsteht ein hoher wirtschaftlicher Schaden, wenn wir bei den verbleibenden Heimspielen keine Zuschauereinnahmen an der Tageskasse mehr haben werden. Wir machen uns auch Gedanken, wie wir mit unseren Dauerkarteninhabern umgehen. Da werden wir aber auch erst die Sitzung am Dienstag abwarten, arbeiten im Hintergrund aber schon an Lösungen. Wir hoffen auch da auf den Zusammenhalt und die Solidarität unserer Fans, dass uns möglichst viele unserer Dauerkarteninhaber behilflich sind. Ich bin da vorsichtig optimistisch, dass das viele für Dynamo machen werden.

Mehr zu Dynamo Dresden

Hat es schon viele Anfragen gegeben, dass sich Leute einen Teil des Preises zurückerstatten lassen wollen?

Nein, es gibt einzelne Anfragen, aber momentan ist es auch noch nicht sicher, dass gar nicht mehr mit Zuschauern gespielt werden kann.

Dynamo hat sparsam gewirtschaftet in den letzten Jahren, es gab zuletzt einen Rekordgewinn, das Eigenkapital wuchs auf knapp zehn Millionen Euro an. Reicht das, um mitsamt des Gehaltsverzichtes von der Mannschaft, den Trainern und den Geschäftsführern diese schwierige Saison zu überleben?

Es ist schon so, dass wir von den Auswirkungen der Krise sehr stark betroffen sind. Gleichwohl ist es auch so, dass wir unser Eigenkapital in der Hinterhand haben. Die Situation ist angespannt, aber es gibt Standorte, wo es viel angespannter zugeht. Aber es wäre auch sehr bitter, wenn alle Rücklagen, die wir uns erarbeitet haben, zu einem Großteil nach der Krise aufgebraucht wären. Wir versuchen alles, die Auswirkungen für den Verein zu gering wie möglich zu halten.

Erwarten Sie gravierende Auswirkungen auf die Fertigstellung und die künftige Betreibung des neuen Trainingszentrums?

Wir haben natürlich kaufmännisch alles vorsichtig geplant, gleichwohl müssen wir uns damit beschäftigen. Trotz Corona läuft die Fertigstellung noch weitestgehend nach Plan. Beim Material gibt es an der einen oder anderen Stelle mal kleinere Verzögerungen, aber die konnten alle aufgefangen, Ersatzlösungen gefunden werden. Wir sind den Firmen und Bauarbeitern sehr dankbar, dass das noch so läuft – bei entsprechenden Vorsichts- und Hygienemaßnahmen. Mit dem Anderen beschäftigen wir uns natürlich sehr intensiv, denn wir wollen die Säulen, auf denen der Verein steht, so standhaft wie möglich halten.

Glauben Sie, dass der Profifußball in Deutschland und Europa nach der Krise wieder bescheidener betrieben werden kann, sich ungesunde Auswüchse zurückbilden?

Ich denke schon, dass die Krise auf alle Lebensbereiche große Auswirkungen haben wird. Man muss abwarten, wie entwickelt sich der Fußball konkret weiter. Da werden Dinge womöglich nicht mehr so sein, wie sie in den letzten Jahren gewesen sind, vielleicht an der einen oder anderen Stelle Entwicklungen eintreten, die wieder gesünder sind, wo Transferentschädigungen und Gehälter wieder auf ein vernünftigeres Maß zurückgehen. Bei allem Negativen, was entstanden ist, ist das auch eine Chance.

Dynamo ist im Merchandising immer sehr kreativ gewesen. Wie verkaufen sich die jüngsten Produkte, mit denen man auf die Krise reagiert?

In der Vergangenheit hat die Dynamo-Gemeinschaft immer wieder gezeigt, wie groß der Zusammenhalt auch in schwierigen Zeiten ist. Das ist auch jetzt der Fall. Gerade der Fanshop ist stark von der Krise betroffen, weil vorerst keine Spieltage stattfinden. Da versuchen wir ihn zu unterstützen, werden noch mit weiteren Aktionen an die Öffentlichkeit gehen, um auch Dynamo-Fanshop.de aktiv zu bewerben. Denn jeder Einkauf hilft, Arbeitsplätze im Fanshop-Team zu erhalten. Das Nicki, was wir aufgelegt haben, läuft schon sehr gut, aber wir hoffen, dass noch viele Fans Verein und Fanshop unterstützen, indem sie das Shirt kaufen.

Bis wann müssen die Lizenzunterlagen eingereicht werden?

Die Unterlagen sollten bis zum 15. März eingereicht werden, das haben wir natürlich gemacht, aber jetzt sind sie in vielen Punkten hinfällig. Die müssen neu bewertet werden, daran arbeiten wir jetzt. Es wird auch Änderungen in der Lizensierungsordnung geben, die am Dienstag beschlossen werden sollen. Das hat das DFL-Präsidium schon angekündigt.

Vertragsverhandlungen mit Spielern sind momentan nicht möglich. Wie reagieren die Spielerberater auf die Zurückhaltung der Vereine, denen Planungssicherheit fehlt?

Das müssten Sie konkret Ralf Minge (Dynamos Sport-Geschäftsführer/d. Red.) fragen, aber da hat wohl jeder Verständnis dafür, dass es derzeit andere Schwerpunkte gibt und die Verhandlungen nicht nur bei uns momentan auf Eis liegen.

Sie stehen derzeit unter Dauerstrom. Wie finden Sie bei den gegenwärtig gewaltigen Herausforderungen die richtige Balance zwischen Belastung und Entspannung?

Ich arbeite schon lange in dem Geschäft. Jeder hat da seine eigenen Mechanismen, wie er mal ein paar Stunden abschaltet. Es gelingt mir eigentlich ganz gut, wenn ich mal ein paar Minuten draußen an der frischen Luft spazieren gehe. Am Wochenende bin ich vielleicht mal etwas länger unterwegs, das hilft dabei, den Kopf freizukriegen und die Aufgaben neu anzugehen.