09. Juni 2020 / 10:34 Uhr

Blick zurück: BSG Motor Grimma mit Prominenz auf den Rängen

Blick zurück: BSG Motor Grimma mit Prominenz auf den Rängen

Roger Dietze
Leipziger Volkszeitung
Kopie von Bild9inSchkeuditz
Die Grimmaer Pokalhelden von einst präsentieren stolz ihre Trophäe. © Archiv
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Ostdeutsche Fußballgeschichte: Die BSG Motor Grimma hat dreimal das Endspiel im Bezirkspokal gewonnen. Über 7.000 Menschen feuerten ihre Mannschaft im Stadion der Freundschaft an – der Besucherrekord wurde bis heute nicht eingestellt.

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Grimma. Vor 50 Jahren machten Winter ihrem Namen noch Ehre. Für den 8. März 1970 war ein Unwetter mit Neuschnee vorausgesagt, was für die Verantwortlichen des FDGB-Pokals Grund genug war, die Viertelfinal-Begegnung zwischen der gastgebenden BSG Motor Grimma und dem Oberligisten FC Karl-Marx-Stadt auf den 26. April zu verschieben. Zwar gereichte diese Terminverlegung dem von der Grimmaer Trainer-Legende Herbert Mehnert gecoachten Gastgeber nicht zum Vorteil, der gegen die Südsachsen aus dem DDR-Fußball-Oberhaus an jenem Sonntag mit 1:5 den Kürzeren zog.

Ostdeutsche Fußball-Geschichte gleichwohl schrieben Zaulich, Thiemanns & Co. aber allemal. Denn nicht nur war Motor Grimma in der Geschichte des FDGB-Pokals der einzige Bezirksligist, der es jemals unter die letzten Acht dieses Wettbewerbs schaffen sollte, sondern das Stadion der Freundschaft erlebte an jenem denkwürdigen Tag Grimmaer Fußballgeschichte mit 7.000 Zuschauern einen nie wieder ansatzweise erreichten Besucherrekord. „Da war jede Menge Prominenz auf den Rängen bis hin zum Kreisparteisekretär vertreten“, erinnert sich Roland Fleischer, der damals die Kapitänsbinde trug und der per Foulelfmeter zwischenzeitlich auf 1:3 verkürzt hatte.

Mit Herzblut und großem Engagement

Ganz chancenlos war der Bezirksligist nicht in das von der Papierform her ungleiche Duell gegangen, hatte das Mehnert-Team doch schon in der Runde zuvor in einem leidenschaftlichen Spiel den Oberligisten Hallescher FC Chemie mit 1:0 niedergerungen, wobei es dem unlängst verstorbenen Hans-Jürgen Thiemann in seinem 500. Spiel für die Muldestädter vorbehalten blieb, den Siegtreffer zu erzielen. „Wir hatten uns gleich nach der Auslosung fest vorgenommen, die Karl-Marx-Städter Spieler Dieter Erler und Eberhard Matz Vogel in Manndeckung zu nehmen, was im Spiel aber nicht umgesetzt werden konnte, da unsere beiden Mittelfeldleute Dietrich Veldung und H. Schäfer verletzungsbedingt ausgefallen waren“, erzählt Roland Fleischer. „Das war für uns natürlich ein großer Nachteil.“

Und zwar einer mit Folgen. Denn die beiden Gästespieler sollten mit ihren vier Toren – drei allein gingen auf das Konto von Erler – das Spiel fast im Alleingang entscheiden. „Vogels Schüsse landeten mal auf dem Dach des Sportlerheims, ein anderes Mal im Tor, gegen uns hatte er einen seiner besseren Tage“, so augenzwinkernd Roland Fleischer, der zum Zeitpunkt der Viertelfinal-Partie 29 Jahre alt und damit im besten Fußballalter war.

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Zur Partie gegen den FC Karl-Marx-Stadt strömten 7000 Zuschauer ins Stadion der Freundschaft. © Archiv
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„Die ganze Mannschaft zeichnete ein guter Altersdurchschnitt aus, das Gros war um die 30 Jahre alt“, so der damalige Kapitän, der seinem Trainer Herbert Mehner einen großen Anteil an den Erfolgen der BSG Motor Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger Jahre beimisst.

„Er war mit Herzblut und großem Engagement bei der Sache und hat die Mannschaft, die zudem eine starke Moral auszeichnete, sehr gut eingestellt“, so Fleischer, genannt „der Süße“. Eine Mannschaft, für die in jener FDGB-Runde Oberligisten kein unbeschriebenes Blatt mehr waren. Bereits eineinhalb Jahre zuvor, Mitte November 1968, bekam es die Mehnert-Elf in der zweiten Pokal-Hauptrunde mit dem FC Carl Zeiss Jena zu tun und trotzte dem amtierenden DDR-Meister auf heimischem Geläuf vor 2500 Zuschauern ein mehr als respektables 1:1 ab, das auch durch das im Thüringischen ausgetragene und mit 1:10 verlorene Wiederholungsspiel nichts von seinem Wert einbüßte.

BSG im DDR-Fernsehen

Und gegen Halle warfen die Muldestädter reichlich ein Jahr später noch einmal ihre Tugenden in die Waagschale und machten vor 3500 Zuschauern die Sensation perfekt. Neben dem Torschützen Hans-Jürgen Thiemann sollte sich dabei ein weiterer Grimmaer Akteur in die Annalen des Grimmaer Fußballs spielen, nämlich Keeper Siegfried Leuschel, der mit Glanzparaden den Viertelfinal-Einzug perfekt machte. Auf den Schultern der Zuschauer sollen die Pokalhelden damals den Recherchen des Grimmaer Fußball-Chronistenteams zufolge vom Platz getragen worden sein, und die Tageszeitung titelte aus Hallenser Sicht: „Diese Niederlage war blamabel.“ Die Chance, sie einem Oberligisten zuzufügen, hatten sich die Grimmaer Kicker durch starke Auftritte im Bezirkspokal erspielt.

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Fünfmal erreichte die Mannschaft zwischen 1967 und 1972 das Bezirkspokalendspiel, das dreimal – 1967/68, 1968/69 und 1970/71 – gewonnen werden konnte. „Dies brachte uns in die Situation, auf der Ebene der Liga respektive Oberliga am weiteren Pokalgeschehen teilzunehmen“, erinnert sich Roland Fleischer. Und verhalf Motor Grimma zudem ins DDR-Fernsehen.

Live und in Schwarz-Weiß verfolgte nach dem Halle-Sieg das Fußball-interessierte Publikum zwischen Kap Arkona und Oberwiesental, wie dem Underdog von der Mulde das Oberliga-Team aus dem Süden Sachsens zugelost wurde.

Die Euphorie, die damit weiter angefacht wurde, trieb an jenem denkwürdigen 26. April 1970, der in die Grimmer Fußballgeschichte eingehen sollte, 7000 Menschen in das Stadion der Freundschaft, die zum Zeugen einer weiteren Sensation werden wollten.

Diese allerdings blieb aus – auch deshalb, weil einer von Matz Vogels’ Schüssen nicht auf dem Dach des Sportlerheims landete, sondern im Gehäuse des Underdogs einschlug.