12. Dezember 2019 / 09:18 Uhr

Alfred Kunze – Würdigung eines stillen Genies

Alfred Kunze – Würdigung eines stillen Genies

Anton Kämpf
Leipziger Volkszeitung
BSG Chemie Leipzig, Alfred Kunze
27. Mai 1992
Alfred Kunze (M.) bei der Umbenennung des Stadions in Alfred-Kunze-Sportpark im Kreise seiner Meisterspieler am 27. Mai 1992. © WESTEND
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Über Alfred Kunze ist eine Biografie erschienen. 216 Seiten wurden mit vielen Anekdoten über einen der berühmtesten Trainer Leipzigs und der DDR gefüllt.

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Leipzig. Als der Bus mit den Spielern der BSG Chemie vom Auswärtsspiel nach Leipzig zurückkam, hielt der Fahrer vor dem Haus in der Leninstraße (heute Prager Straße), um Alfred Kunze daheim aussteigen zu lassen. Flügelflitzer Klaus Lisiewicz, der im gleichen Haus wohnte, blieb bei den Mannschaftskameraden im Bus sitzen – man wollte den Sieg noch mit einem Bierchen begießen. Damit nun Frau Lisiewicz nicht mitbekam, dass ihr Gatte eigentlich überfällig war, zog sich der Trainer die Schuhe aus und schlich auf Strümpfen in seine Wohnung.

„So einfühlsam war Herr Kunze, so aufmerksam“, schwärmt Klaus Lisiewicz. Seine Frau Anne erinnert sich gern an die prominenten Nachbarn: „Frau Kunze hütete öfter unsere Kinder, ich habe von ihr gelernt, wie man gebackenen Karpfen macht.“ So oder ähnlich klingen die Lobeshymnen, welche die Spieler über ihren Trainer anstimmen. Zu finden in der soeben erschienenen Biografie „Alfred Kunze – Das stille Genie“. Manfred Walter ging bei der Aufteilung der Spieler 1963 „sehr gern mit zu Chemie, weil dort Alfred Kunze Trainer wurde“.

Kunze wurde begnadigt

Und der half listig nach, dass es eben nicht nur der „Rest von Leipzig“ wurde, sondern stellte manche Weiche, welche, unbemerkt von erfolgsgeilen und machtbesoffenen Funktionären, später zum scheinbar sensationellen Erfolg mit der Meisterschaft führten. Kunze war in diese Spieler-Auswahl zwar involviert, trotzdem hatte man ihn als einen der besten Trainer des Landes nicht für die scheinbar beste Elf Leipzigs ausgewählt. Er galt den Funktionären als politisch zu unzuverlässig.

War er doch zweimal mit den Mächtigen von Sport und Politik angeeckt. 1953 wurde er von der DHfK entlassen, weil er sich kritisch zum Volksaufstand am 17. Juni geäußert und die Zustände im Land beklagt hatte. 1955 wurde er strafversetzt, weil „mangelhafte Erziehung durch die Trainer“ einen Zersetzungsprozess beim SC Lok in Gang gesetzt hatte, in dessen Folge die halbe Mannschaft meuterte und den Verein gern verlassen hätte. Schuld waren schwere Eingriffe in die Club- und Sportpolitik, die verhinderte, dass sich die besten Spieler durchsetzen konnten. Kunze musste sich in Weimar und bei Wissenschaft Halle „bewähren“ und führte die Vereine jeweils eine Klasse höher, ehe er „begnadigt“ wurde und zurück zum SC Lok durfte.

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Kunze als DDR-Nationaltrainer

Diese Einschnitte in Kunzes Biografie waren nicht die einzigen. Bereits vor 1945 war er einer schwierigen Situation ausgesetzt. Aufgewachsen in sozialdemokratischem Elternhaus, geprägt vom Arbeitersport, trat der als Lehrer arbeitende Kunze 1937 in die NSDAP ein. In einer Situation, als die Nationalsozialisten Tausende Lehrer entließen, von ihnen Gefolgschaft verlangten, und diejenigen ins Konzentrationslager steckten, die sie verweigerten, war es für den Vater eines einjährigen Sohnes eine schwere Entscheidung. Sie fiel opportunistisch aus. Das kann man heute kritisieren.

Auf der anderen Seite steht da ein junger Mann, der in komplizierten Zeiten für seine Familie zu sorgen hatte. Seine Familie schwört Stein und Bein, dass Alfred mit den Nazis nichts am Hut hatte: „Das hätte schon meine Mutter Hertha nicht mitgemacht, die ein eingeschworenes SPD-Mitglied war“, sagt Sohn Klaus Kunze.

So sahen das wohl auch die frühen DDR-Funktionäre, die nichts Belastendes gegen Kunze fanden und ihn zum DDR-Nationaltrainer machten, der 1952 bei inoffiziellen Länderspielen gegen Polen und Ungarn an der Linie stand. Diesen Posten verlor er, weil er sich weigerte, die Spieler „im Sinne des Sozialismus zu erziehen“, sondern aus ihnen „nur“ bessere Fußballer machen wollte. Bei Chemie verzichtete er auf die obligatorischen „Rotlicht-Schulungen“ und verlangte niemals irgendetwas in die politische Richtung gehendes. Das machte ihm dem DDR-Sportsystem suspekt, das auf den Fachmann dennoch nicht verzichten wollte. So bildete Kunze nach seinem Abschied von Chemie 1967 noch zehn Jahre lang ausländische Trainer an der DHfK aus.

Alfred Kunze Junior

Im Buch finden sich diese Erzählungen, unterlegt mit Akten-Auszügen, Erinnerungen und Fotos. Zwei lange Interviews mit Kunze-Sohn Klaus und Enkel Torsten zeigen auch die private Seite dieses Mannes, der noch heute beinahe kultisch verehrt und geliebt wird, dessen Bild auf Fahnen prangt und dessen Name der Sportpark in Leutzsch trägt. Es gibt sogar wieder einen kleinen Alfred Kunze – der Sohn eines Anhängers, der kein Spiel verpasst und den großen Namen für seinen Sprößling einfach als den besten erachtete.

Jens Fuge: Alfred Kunze – Das stille Genie. Backroad Diaries Verlag. ISBN: 978-3-9816023-8-8 . 216 Seiten, 25 Euro. Erhältlich in den Geschäftsstellen der LVZ