13. Juli 2020 / 16:18 Uhr

60. Geburtstag von Harald Sather: Grimma feiert seinen Ex-Fifa-Linienrichter

60. Geburtstag von Harald Sather: Grimma feiert seinen Ex-Fifa-Linienrichter

Haig Latchinian
Leipziger Volkszeitung
trio
Das eingespielte Trio von einst: Harald Sather mit seinen beiden Ex-Kollegen Jörg Keßler und Stefan Weber (v.r.). © Haig Latchnian
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Bremens Brasilianer Ailton rannte einst im DFB-Pokalspiel gegen Lübeck wutentbrannt Richtung Seitenlinie, um sich beim winkenden Schiri zu beschweren. Das Bild des tobenden Stürmers und des coolen Linienrichters machte den Grimmaer Harald Sather bekannt. Der Ex-Fifa-Assistent und langjährige ranghöchste Unparteiische in Sachsen feiert 60. Geburtstag.

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Grimma. Im Kreise von Familie, Verein und Freunden wollte er sich das Europameisterschafts-Endspiel auf der Leinwand anschauen und so zünftig in seinen 60. Geburtstag reinfeiern. Das war der Plan. Doch dann kam Corona... Immerhin durfte Fußball-Schiedsrichter-Legende Harald Sather zumindest 75 treue Wegbegleiter ins neue Grimmaer Stadion einladen und mit ihnen anstoßen. Trotz Maskenpflicht am Buffet lief die Party wie ein Länderspiel – auch ganz ohne Euro 2020.

Andreas Döring
Harald Sather mit dem von Ailton signierten Foto: Der Zornesausbruch des damaligen brasilianischen Fußballgottes von Werder Bremen im Pokalspiel gegen den VfB Lübeck verhalf dem cool gebliebenen Referee zu einiger Bekanntheit. © Andreas Döring
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So musste Kopfkino her. EM? Da war doch was. Alexander Sather, Sohn des Fifa-Linienrichters, inzwischen selbst Bundesliga-Assistent, erinnerte an die EM 1996 in England. „Kroatien traf im letzten Vorrundenspiel auf Portugal. Der Madgeburger Bernd Heynemann pfiff, Hans Wolf aus Stuttgart und mein Vater standen an der Linie. Was für eine Leistung!“ Viele behaupteten, er würde in die Fußstapfen seines Vaters treten, wiegelt der 33-Jährige vorsichtig ab: „Da sind keine Schuhe auszufüllen, sondern riesige Stiefel.“

Sather reichte Gaddafi die Hand

Er traue Alexander eine ähnlich steile Schiedsrichter-Laufbahn wie die seines Vaters zu, sagte Ehrengast Hermann Winkler (57), Präsident des Sächsischen Fußballverbandes. Der Grimmaer bezeichnete Harald Sather bis zu dessen Karriereende 2008 als ranghöchsten Referee Sachsens. „Heute ist sein Sohn die aktuelle Nummer 1.“ Sather senior, noch immer ehrenamtlicher Vorsitzender des sächsischen Schiedsrichterausschusses, engagiere sich in schweren Zeiten leidenschaftlich für die Nachwuchsgewinnung, lobte Winkler.

Der Unparteiische aus Grimma bestritt 103 internationale Spiele, darunter 27 Champions-League-Begegnungen, sowie 220 Bundesligapartien. Der Mann, der sich zur Feier des Tages einen Nudelsalat gönnte, kennt die wirklich großen Schüsseln dieser Welt: Ob Nou Camp in Barcelona, Mailands San Siro oder Moskaus Luschniki-Park – überall lief er auf. In Libyen begann das Match erst eine halbe Stunde später, weil der damalige Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi, dem Sather die Hand reichte, seinen Logenplatz noch nicht eingenommen hatte.

In Moskau wurde Sather beinahe verhaftet, weil er Lenin im Mausoleum fotografieren wollte. Doch damit nicht genug: Bremens brasilianischer Fußballgott Ailton rannte im DFB-Pokalspiel gegen Lübeck wutentbrannt Richtung Seitenlinie, um sich beim winkenden Grimmaer zu beschweren. Das Bild des tobenden Ailtons und des coolen Sathers ging um die Welt. „Wie es das Schicksal so wollte – 14 Tage später musste ich erneut im Weserstadion winken. Ailton kam nach dem Spiel zu mir und überreichte mir freudig das signierte Foto“, erinnert sich Sather.

Gut gehütetes Geheimnis gelüftet

Sather entstammt einer Fußball-Familie. Vater Wolfgang galt als Urgestein von Motor Grimma. Bruder Gunter, viel zu früh verstorben, war Schiedsrichter. Harald ackerte und rackerte von Kindesbeinen an im Verein. Erste Sporen verdiente er sich unter Trainer Karl Lässig. Zwar schaffte es Sather bis in die Erste Herrenmannschaft. Doch eine Knieverletzung zwang ihn zur Aufgabe. Der gelernte Elektriker wechselte die Seiten und wurde Schiedsrichter. Sein erstes Spiel leitete er in Kössern.

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Die Einberufung zum Grundwehrdienst schien alles über den Haufen zu werfen. Was er zu der Zeit nicht ahnen konnte: Die Schumann-Kaserne in Leipzig wurde sogar zu einer Art Sprungbrett: „Ich hatte das Glück, dass mein Kommandeur ein Fußballfan war. Der gewann sogar den damaligen Leipziger Fifa-Schiedsrichter Widukind „Pat“ Herrmann für einen Vortrag im Regiment und erlaubte mir, an den Wochenenden zu pfeifen.“ Noch in der Armeezeit stieg Sather so bis in die DDR-Liga auf.

 „Kein geringerer als Rudi Glöckner war mein Förderer“, lüftete Sather eines der bislang gut gehüteten Geheimnisse: „Er leitete am 21. Juni 1970 vor 107000 Zuschauern das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko zwischen Brasilien und Italien (4:1) und gilt damit als der erste und bislang einzige Deutsche, der ein WM-Endspiel pfiff. Er hatte mich bei einem Spiel in Markranstädt erlebt und sagte: Junge, das hat mir gefallen. Du hast gut gepfiffen.“ Wenig später bekam Sather erste Einsätze in der DDR-Oberliga.

Engagement auch in Zeiten der Grimmaer Flut

Nach der politischen Wende hatte Sather zunächst ein Jahr Zweite Liga gewunken, ehe er ins Oberhaus wechselte. Er arbeitet seitdem bei der Grimmaer Stadtverwaltung und wurde 1995 Fifa-Linienrichter. In der Bundesliga bildete er mit Schiedsrichter Jörg Keßler (Jena) und Assistent Stefan Weber (Eisenach) viele Jahre ein Dream-Team. Das Trio ist bis heute eng befreundet. Kein Wunder, dass Keßler und Weber extra in Grimma anreisten, um Sather persönlich zu gratulieren.

Keßler (56), der bereits seit 25 Jahren in München lebt und 2004 seine Schiedsrichter-Laufbahn beendete, würdigte Sather in den höchsten Tönen: „Du konntest dich immer zu 100 Prozent auf Harald verlassen, wenn er die Fahne hob. Auf dem Platz zuverlässig, konzentriert und professionell – außerhalb des Stadions ein guter Freund.“ Keine Worthülse. Nachdem Keßler für die Firma Siemens das Kommunikaktionsgeschäft in Asien übernahm, lud er seine beiden Ex-Kollegen Sather und Weber für eine Woche zum Sightseeing nach Singapur ein.

"Als ich meinen 50. feierte, besuchte mich Harald in Thüringen – jetzt bin ich bei seinem 60. Geburtstag hier in Grimma“, sagte Stefan Weber (56). „Immer wenn wir uns nach Jahren wiedersehen, kommt es mir vor, als hätten wir uns erst gestern verabschiedet.“ Weber weiß noch genau, wie sehr die beiden Grimmaer Fluten seinen Freund mitgenommen hätten: „Das Stadion war total verwüstet. Es war Harald, der sich in der Folgezeit dafür einsetzte, dass auch künftig Fußball in Grimma gespielt wird.“

Ehefrau Ines hält Nimmermüdem den Rücken frei

Wolfgang Jahn (81), langjähriger Abteilungsleiter Fußball, und Daniel Kurzbach, Vizepräsident des FC Grimma, konnten das nur bestätigen: „Als Vorstandsmitglied hat Harald aktiv an der Planung des neuen Stadions mitgearbeitet.“ Er sei ein Fußballverrückter, einer, der mitten in der Nacht auf den Platz gezogen sei, um zu prüfen, ob die Beregnungsanlage auch wirklich wie ausgeschrieben funktioniere. Der Rasen galt und gilt Sather als heilig. Ein Grund dafür, dass Grimma immer wieder den Zuschlag als Austragungsort für Länderspiele erhielt.

Ehefrau Ines Sather (57) ist froh, dass die Geburtstagsfeier trotz Corona stattfinden durfte. Sie selbst interessiere sich gar nicht so sehr für Fußball, gestand die Lehrerin. Das sei sicher kein Nachteil. So müsse ihr Mann nicht auch noch zu Hause über Fußball reden. Als Schiedsrichter-Beobachter und Präsident des regionalen Fußballverbandes reist er nach wie vor viel. Ines Sather augenzwinkernd: „Vorbei sind zumindest die Zeiten, als von jetzt auf gleich die Schiedsrichter-Klamotten gewaschen, getrocknet und gebügelt werden mussten.“